Licht und Schatten der Beraterszene

Liebe Leserinnen und Leser,

in diesem jungen Jahr 2009 will es so gar nicht Frühling werden und dann schwebt auch noch die Wirtschaftskrise wie eine graue Wolke über uns allen. Früher begann der Horror erst nach der Tagesschau – heute finde ich die Tagesschau schockierender als den nachfolgenden Film. Schließlich ist der Arbeitsplatzabbau echt. Beispiel: An einem einzigen Tag, dem 27.03.09, verkündeten drei wichtige deutsche Arbeitgeber, nun im großen Stil Stammbelegschaft kündigen zu müssen: Heidelberg Druckmaschinen, Continental/ Hannover und Thyssen-Krupp/Düsseldorf.

Den ein oder anderen hat schon eine kalte Dusche erwischt in Form von stornierten Aufträgen, zahlungsunfähigen Kunden oder gar Arbeitslosigkeit oder näher rückende Insolvenz. Andere warten tagtäglich auf kleinere und größere Niederschläge oder verschließen die Augen in der naiven Hoffnung, übersehen zu werden beim großen Wirtschaftsunwetter…

Doch für eine Branche scheint in Krisenzeiten die Sonne: Für die Berater, und zwar nicht nur für die klassischen Unternehmensberater sondern für die Lebensberater. Statt Kennzahlen analysieren sie psychische Signale bei ihren KlientInnen. Sie fragen und sie geben Rat. Doch heißt es achtsam sein bei der Auswahl derer, die diese krisengeschüttelten Menschen beraten.

Im nachfolgenden Interview kommt ein lebenserfahrener Berater zu Worte, der die Welt aus mehreren Perspektiven anschaut und den ich sehr bewusst zu so einem komplexen Thema wie der Wirtschaftskrise auswählte. Er hat 1992 meine Dissertation mitbegleitet und ich konsultierte ihn über drei Jahre hinweg als persönlichen Supervisor. Lesen Sie nun, wie der Arzt und Psychotherapeut, Coach und Supervisor, INSEAD-Absolvent und Managementberater Dr. med. Schmid-Neuhaus die Beraterszene betrachtet, wie er über die Wirtschaftskrise denkt und welche Medizin er dagegen verschreibt.

Viel Spaß beim Lesen. Und alles Gute für Sie in diesem nasskalten Frühjahr.

Ihre Dr. Annette Hartmann

„Patient Weltwirtschaft“ auf der Couch

wortstark: Herr Dr. Schmid-Neuhaus, Sie sind Arzt mit drei fachlichen Schwerpunkten: Allgemeinmedizin, Sportmedizin und Psychosomatische Medizin. Sie arbeiteten über Jahrzehnte hinweg international an Konzepten und in Projekten der Gesunderhaltung, der „Salutogenese“. Als Leiter des Gesundheitsparks im Münchner Olympiagelände brachten Sie diesen Ansatz der Vorbeugung mit nach Deutschland. Heute beraten Sie Führungskräfte großer Unternehmen. Wann erweiterten Sie Ihre ärztliche Tätigkeit in Richtung Wirtschaft?

Dr. Schmid-Neuhaus: Die korrekte Antwort ist: Weil ich ursprünglich aus dem wirtschaftlichen Management komme. Meine ersten 14 Jahre Berufstätigkeit habe ich in verschiedenen Funktionen in der pharmazeutischen und chemischen Industrie absolviert.

wortstark: Auf Ihrer Visitenkarte stand viele Zeit als Tätigkeitsbeschreibung „Therapie & Coaching“. Heute lese ich in Ihrer E-Mail-Signatur „Einzelberatung für Führungskräfte“. „Therapie“ und „Coaching“ sind verschwunden. Wie sehen Sie die Entwicklung der Szene von Beratung, Therapie und Coaching, welche sich ja unter anderem in ihren verschiedenen Begriffen zeigt?

Dr. Schmid-Neuhaus: Es hat eine Inflation des Coaching-Begriffes gegeben. Dieser Begriff bedeutete ursprünglich individualisierte Einzelberatung von Führungskräften und diese Bedeutung hat er verloren. Meine Vermutung ist, dass diese Inflation durch eine Vielzahl PR-orientierter Ausbildungsangebote verursacht wurde. Wenn ich mir diese Ausbildungsangebote inhaltlich anschaue, sind das meistens relativ teure aber kurzfristige Ausbildungen. Die nutzen wahrscheinlich den Ausbildungsanbietern aber nicht denen, die sich erhoffen, damit eine Existenz begründen zu können. Es gibt Beispiele aus den 80er Jahren, wo Dinge wie beispielsweise neurolinguistisches Programmieren inflationär angeboten worden sind. Die Hoffnungen der Leute, die diese Qualifikationen erworben haben, haben sich in der Realität nie umsetzen lassen.

wortstark: Hm. Ich kenne mehrere KollegInnen, die beispielsweise ausschließlich NLP-orientiert arbeiten und die haben da schon ihre Grundlage und ihr Auskommen.

Dr. Schmid-Neuhaus: Wenn Leute sich hierdurch nur eine Zusatzqualifikation schaffen und dann noch erfolgreicher werden, halte ich das für einen normalen Vorgang. Für den Absolventen mit ausschließlich solchen Ausbildungen eröffnen sich daraus nicht wirklich Perspektiven.

wortstark: Aha, und deswegen wollten Sie mit Coaching nichts mehr zu tun haben, verstehe. Und warum ist Therapie auch herausgefallen?

Dr. Schmid-Neuhaus: Ich habe während der letzten 30 Jahre in einem offiziellen therapeutischen Rahmen gearbeitet. In meiner privaten Praxis habe ich aber mehr und mehr Klienten bekommen, die ich im Bereich zwischen Therapie und Beratung ansiedeln würde. Und da der therapeutische Bereich überaus reguliert ist, was Vorgaben der Kostenträger angeht und meine Klienten in der Regel Selbstzahler sind, spielt das Labelling als Therapie keine Rolle mehr. Da ist es eindeutiger, wenn ich meine Aktivität als Beratung für Führungskräfte bezeichne.

wortstark: Okay. Eingangs hatten Sie ja kritisiert, die AbsolventInnen von Coaching-Ausbildungen lernen zu wenig, um sich eine Existenz aufbauen zu können. Welche Folgen hat das Ihrer Meinung nach, vor allem auch für die KlientInnen?

Dr. Schmid-Neuhaus: Ich denke, dass die Masse der kurzfristig ausgebildeten Coaches zwei Grundlagen für qualifizierte Beratung nicht mitbringen: Zum einen fehlt ihnen die Feldkompetenz, also Erfahrungen aus den Berufsfeldern, aus denen ihre Klienten kommen. Und zum zweiten fehlen ihnen die Grundlagen, um an Rollenproblematiken ihrer Klienten zu arbeiten, was viel mit emotionaler Intelligenz und sozialer Kompetenz zu tun hat. Die Erwartung eines interessanten Klienten ist, dass er auf jemand trifft, der ihm in diesen Bereichen ein kompetenter Gesprächspartner und Begleiter ist. Das hat im Übrigen auch viel mit der Entwicklung von Selbstberatung zu tun. Und das lässt sich nicht in kurzfristigen Ausbildungen leisten, die eher kognitiv-wissensorientiert sind oder nur relativ begrenzte Praktiken umfassen. Ich habe übrigens kürzlich die Inflation des Coaching-Begriffs nachvollzogen, indem ich über Google-Alerts verfolgte, was mit diesem Begriff alles an Bereichen abgedeckt…

wortstark: Die Idee gefällt mir! Und?

Dr. Schmid-Neuhaus: Die Liste der Google-Alerts wächst täglich und deckt immer spezifischere Bedürfnisse ab: Der „Beziehungs-Coach“, der „Wander-Coach“, der Coach für die verschiedensten körperlichen Aktivitäten, der „Mental-Coach“, der Coach für richtige Bekleidung, also der „Stil-Coach“… Das ist ein ungeheures Sammelsurium von Einzelkompetenzen und es widerspricht meiner Ansicht nach dem Bedürfnis von Klienten nach einem ausgewogenen Integrationsprozess, nach Identität. Das, was Heiner Keupp als „Patchwork-Identität“ bezeichnet hat, das gibt diese Zersplitterung sehr gut wieder.

wortstark: Heiner Keupp war in diesem Newsletter auch schon Gesprächspartner. Doch zurück zu Ihrer Aussage, Herr Dr. Schmid-Neuhaus, die kann ich nachvollziehen: Der Klient, der ein Identitätsproblem hat, kann es kaum lösen, wenn er mit jedem Problem zu einem anderen Coach gehen muss. Andererseits: Wir haben jetzt nur den Spezialfall des Identitätsproblems betrachtet. Oder würden Sie das als übergreifendes Dach verwenden wollen?

Dr. Schmid-Neuhaus: Ja! – Identität erscheint mir in diesem Kontext als ein brauchbarer Dachbegriff, auch wenn Heiner Keupps Patchwork-Identitätsbegriff eine tatsächliche Problematik klar benennt. Wenn es um persönliche Klärungsprozesse für Führungskräfte geht, dann bietet sich Klärung von Identität als ein brauchbarer Basisansatz für Menschen an, nach Beratung und Coaching Ausschau zu halten. Da bekommt zum Beispiel der erfolgreiche Verkaufsleiter einen Posten als Vertriebsvorstand offeriert. Die Anforderungen sind dort ganz anders, und wenn er in seiner neuen Rolle reüssieren will, muss er sich mit Rollenwechsel beschäftigen.

wortstark: Nun gibt es ja auch andere Aufgabenstellungen in der Beratungsarbeit wie meinetwegen Perfektionismus oder Probleme mit Zeitmanagement. Da geht es nicht unbedingt in erster Linie um Rollenklärung, oder?

Dr. Schmid-Neuhaus: Das ist richtig. Ich denke, dass das Thema „Umgang mit Rollen“ und wie eben erläutert ein Kernthema von Beratung wie auch von Coaching ist. Der Unterschied heute auf dem Markt ist, dass Coaching enger begriffen wird, als Konsequenz dieser begrenzten Ausbildungen der Leute, die keine langjährige Beratungskompetenz mitbringen. Und dazu kommt die bereits erwähnte Feldkompetenz aus der Arbeitswelt des Klienten, denn ohne sie bleibe ich für den Klienten auf eine unbefriedigende Art unspezifisch.

wortstark: Ja. Nun kann andererseits niemand in allen Branchen und Positionen Feldkompetenz haben. Würden Sie mangels Feldkompetenz einen Auftrag ablehnen, weil sie meinetwegen die Arbeitswelt eines Großschlachters nicht kennen oder nie Vertriebsvorstand waren?

Dr. Schmid-Neuhaus: Ja, ganz klar. Ich halte das für ein Zeichen von Qualität, dass ich mir in der Anfangsphase gemeinsam mit dem Klienten ein Bild mache, was ist die Zielvorstellung und bin ich der geeignete Coach für dieses Ziel? Ich habe einer Reihe von Klienten die Empfehlung gegeben: Bei dieser Fragestellung halte ich Herrn X oder Frau Y für kompetenter. Ich schaffe Ihnen gerne ein Entrée. Die Qualität eines Beraters ist, dass er ein sehr klares Wissen hat, was er kann und was nicht. Es erscheint mir übrigens als ein weiteres Kennzeichen qualifizierter Berater, dass sie relativ wenig in der Öffentlichkeit erscheinen, weil sie ihre Klienten durch Empfehlung bekommen.

wortstark: Heißt das für Sie im Umkehrschluss: Jeder, der öffentlich erscheint, ist kein guter Coach oder Berater?

Dr. Schmid-Neuhaus: Nein. Es kommt häufig vor, dass man bekannter wird und zu spezifischen Sachverhalten öffentlich Stellung nimmt, weil man von Rundfunk, Fernsehen und Presse zu bestimmten Sachthemen interviewt wird. Das schafft Öffentlichkeit. Solche Interviews hinterlassen auch Spuren im Internet bzw. in der Öffentlichkeit und scheinen mir für erfahrene Coachs als Öffentlichkeitsarbeit auszureichen.

wortstark: An der Stelle möchte ich doch einbißchen kontern: Andere Spuren im Internet kann man von Ihnen ja auch nicht finden, Herr Dr. Schmid-Neuhaus, denn Sie haben ja – bisher - keine Website. Ich meine, ein guter Berater kann und soll durchaus die Öffentlichkeit darüber informieren, was er oder sie tut, und an der Stelle, wo es um Qualitätsnachweise geht, den Klienten das Wort überlassen im Sinne des alten PR-Grundsatzes „Tue Gutes und rede darüber“. Ich sehe darin keine Einschränkung der Qualifikation, sofern der Klient mit dieser Öffentlichkeitswirkung einverstanden ist, im Gegenteil: Ich sehe, dass so ein Anbieter sich der kritischen Öffentlichkeit stellt und die Karten offen auf den Tisch legt.

Dr. Schmid-Neuhaus: Ich stelle fest, dass ich in der glücklichen Situation bin, dass ich genügend Klienten und Aufträge bekomme ohne jede Form von Öffentlichkeitsarbeit. Von ähnlich erfolgreichen Kollegen gilt das Gleiche.

wortstark: In welchem Alter sind diese Kollegen?

Dr. Schmid-Neuhaus: Das sind allesamt „alte Hasen“…

wortstark: Das dachte ich mir. Diese Leute haben 30, 40 Jahre Berufsgeschichte hinter sich, die haben ein lange gewachsenes Netzwerk hinter sich –

Dr. Schmid-Neuhaus: Das ist richtig …

wortstark: Eben. Wenn aber jemand erst anfängt, im öffentlichen Leben seine Spuren zu hinterlassen und da kann die Ausbildung noch so gut sein, dann muss dieser Mensch gezielt mit Referenzen arbeiten. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. - Lassen Sie uns zur nächsten Frage kommen: Im Moment erleben wir eine Wirtschaftskrise, die schon deswegen so schwer begreifbar ist, weil das Ausmaß unklar ist, geschweige denn Ursachen und Gegenmittel. Was sagen Sie als Salutogenetiker zum mehr oder weniger kranken „Patient Weltwirtschaft“?

Dr. Schmid-Neuhaus: Ich sage, dass diese Krise absehbar war. Ich habe sie deshalb auch in meiner eigenen Finanzdisposition berücksichtigt, habe meine Finanzanlagen überprüft und bin rechtzeitig aus problematischen Anlagen herausgegangen.

wortstark: Ach so? Woran haben Sie die Krise kommen sehen?

Dr. Schmid-Neuhaus: An der zunehmenden Diskrepanz zwischen Gewinnerwartungen und realer Produktivität. Viele Private-Equity-Unternehmen und Finanzdienstleister haben als Standard 25% Gewinn gefordert und dabei die wahre Produktivität überhaupt nicht mehr wahrgenommen.

wortstark: Das möchte ich gern genauer wissen: Bei Ihnen saßen schließlich einige Wirtschaftsbosse schon vor Jahren auf der Couch, da waren doch sicher auch Banker dabei, oder? Haben Sie gemerkt, dass diese Leute nicht mehr durchblicken oder haben die das selbst bemerkt?

Dr. Schmid-Neuhaus: Wir haben das sehr klar als Problematik besprochen. Die Finanzmanager haben ihre eigenen Produkte in weiten Teilen selbst nicht mehr verstanden. Ihre Themen waren dann: Inwieweit bin ich Gruppenzwängen unterworfen, inwieweit habe ich Autonomie in meinem Handeln, um Fehlentwicklungen korrigieren zu können? Inwieweit bin ich auf Gruppendisziplin angewiesen und laufe möglicherweise sogar sehenden Auges in immer größere Risiken hinein?

wortstark: Das heißt, die haben das Risiko erkannt aber ihren Kurs nicht ändern können?

Dr. Schmid-Neuhaus: Das sind jeweils Einzelgeschichten, es gibt da kaum kollektive Antworten außerhalb denjenigen, die generell in den Medien beschrieben werden.

wortstark: Damit kommen wir zur Sicht des Einzelnen zurück. Sie sagten vorhin, Sie hätten an den Bankmanagern wahrgenommen, dass sie selbst ihre Welt oft nicht mehr begreifen konnten, sozusagen ertrunken in der Komplexität. Gab es noch andere Signale?

Dr. Schmid-Neuhaus: Ich halte Komplexität für eines der Kernprobleme. Aber ich halte die Wirtschaftskrise nicht einfach für eine Wirtschaftskrise, sondern für ein Systemproblem. Einzelne Fachdisziplinen sind an die Grenzen ihrer Verstehensfähigkeit gekommen und waren nicht in der Lage zu sehen, wie groß der Vernetzungsgrad in unserer Welt ist, angefangen von den Finanzen und der Veränderung von Märkten bis hin zu komplexen Themen wie Klima und Energie. Das Ausmaß der Vernetzung ist nicht mehr reversibel und lässt für das zukünftige Handeln in einer Krise wie der jetzigen ganz klar werden, dass populistische Politikerversuche wie man müsste sich nur abschotten nach außen oder so etwas, dass die an der Realität einer globalisierten Welt vorbeigehen. Ich kann nur sagen, wir müssen die Komplexität akzeptieren und die Chancen sehen, die eine globalisierte Welt gebracht hat.

wortstark: Zur Abschottung oder Chance der Globalisierung fällt mir ein aktuelles Beispiel ein: Auf der italienischen Insel Lampedusa landen fast täglich Boote mit afrikanischen Flüchtlingen: jung, arbeitswillig, ohne Ausbildung. Was soll denn Ihrer Meinung nach Italien machen, oder besser gesagt Europa?

Dr. Schmid-Neuhaus: Ich kann hier nur sagen: So ein Phänomen muss ich einbetten in die großen übergeordneten Problematiken, die Aufspaltung der Welt in eine industrielle Gesellschaft und arme Länder. Wir sprechen aber auch über Demographieprobleme, denn das, was hier nach Europa hereinströmt, sind ja junge, kraftvolle Leute, die sich zutrauen, in einer neuen Umwelt Fuß zu fassen.

wortstark: Ja, sie haben bloß keine Ausbildung…

Dr. Schmid-Neuhaus: Deswegen muss unsere Gesellschaft das Bildungsproblem ernster nehmen, nicht nur bei der Integration von Flüchtlingen, die in Lampedusa anlanden. Ich denke, die Aus- und Weiterbildung ist ein großes Thema in der Anpassung an eine sich schnell verändernde Welt.

wortstark: Was schlagen Sie konkret vor?

Dr. Schmid-Neuhaus: Erstens habe ich 30 Jahre in der Erwachsenenbildung gearbeitet und zwar in einem Schlüsselbereich der Moderne, in der Entwicklung von Gesundheits- und Leistungskompetenz. Von daher glaube ich, dass wir unsere Systeme der Erwachsenenbildung ausbauen müssen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, weil wir aus dem lebenslangen Lernen nicht mehr herauskommen. Ich würde immer die Partei bevorzugen, die das Thema Bildung ernsthaft auf ihrem Programm hat.

wortstark: Danke. Im Rahmen Ihrer Vorbereitung auf dieses Interview rund um die Wirtschaftskrise hatten Sie mir eine Dow-Jones-Kurve geschickt und sie in Bezug zum Thema Wissen setzen wollen. Zeigen Sie uns jetzt bitte die Kurve, und erklären Sie, wo Sie den Zusammenhang sehen?

Dr. Schmid-Neuhaus: Wir schauen hier die Wirtschaftsentwicklung der letzten 90 Jahre an und sehen eine gewaltige Wertsteigerung, die durch die Wissensgesellschaft zustandegekommen ist. Bis 1980 habe ich als Gesamtwert von Unternehmen das, was bilanztechnisch als „fixed assets“, also feste Anlagegüter erscheint. Ab 1980 beginnt ein Knick, in dem die Entwicklung des fixed-asset-Vermögen kontinuierlich weiter steigt, aber der Teil der Werthaltigkeit des Unternehmens, der durch Wissen zustande kommt, plötzlich stark angestiegen ist.

Infografik Innovation

wortstark: Das ist ja sehr abstrakt. Wie wurde das Phänomen so in Zahlen fassbar, dass daraus eine Kurve erstellt werden konnte?

Dr. Schmid-Neuhaus: Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Von den 20er Jahren bis 1980 gehörte General Motors weltweit zu den größten Unternehmungen. Mitte der 90er Jahre wurde ein Unternehmen namens Google gegründet, das innerhalb von 10,12 Jahren den Wert von GM weit überrundet hat. Auch Microsoft hat das geschafft.

wortstark: Jetzt verstehe ich aber eines nicht: Google und Microsoft sind ja schließlich eine andere Branche als GM, ein Autobauer. Der Dow-Jones umfasst aber alle Branchen und nicht bloß eine. Wie konnte die IT-Branche hier die Kurve so stark beeinflussen?

Dr. Schmid-Neuhaus: Unser Alltag wird natürlich auch durch Autos bestimmt. Aber die größere Veränderung unseres Lebens kommt durch die Vermehrung von Wissen. Wir erleben den Übergang von einer industriellen zu einer postindustriellen Gesellschaft, einer Wissensgesellschaft.

wortstark: Hm. Bitte nochmal zurück zur Kurve, bei der ich immer noch eine Erklärung vermisse, wie es zum Knick kam: Liegt das Ansteigen der Kurve daran, dass bei Google sozusagen die Ware das Wissen ist?

Dr. Schmid-Neuhaus: Ja genau!

wortstark: Aha! Das wollte ich jetzt nur ganz klar herausarbeiten! (lacht)

Dr. Schmid-Neuhaus: Und unser Bedarf an Automobilen ist viel begrenzter als unser Bedarf an Wissen.

wortstark: Okay. So herum ist es nun glaube ich verständlich, warum die rote Kurve so abzieht nach oben.

Dr. Schmid-Neuhaus: Die Erweiterung unserer Lebensmöglichkeiten ist daran gebunden, dass wir hohe Produktivität durch hohes Wissen bekommen. Dinge, die früher immens teuer waren, haben wir heute aufgrund besserer Technologien – die gebundenes Wissen repräsentieren, haben wir heute als Massengüter für jedermann zur Verfügung.

wortstark: Beispiel?

Dr. Schmid-Neuhaus: Beispiel Fernsehen, Telefon, Kommunikationstechnologie, elektronische Steuerungselemente usw. Und da ist ja interessant, dass zu dem Wissen auch gehört, dass ich neue Regulierungsmodelle benutze, in denen z.B. Staatsmonopole wie die klassischen Post- und Telegrafenämter früherer Jahrzehnte mit ihren starren Bürokratien ihre Leistungen relativ teuer anboten und verkaufen konnten. Das Ersetzen dieser Staatsmonopole durch die Kräfte der freien Marktwirtschaft hat dem Einzelnen große Möglichkeiten erschlossen, sowohl dem Anbieter als auch dem Abnehmer von Leistungen. Und um das Thema abzuschließen: Ich denke, dass der Schlüssel zur Moderne, sowie der Schlüssel dazu, sich in der Moderne bewegen zu können, Wissen ist. Der Rohstoff der Moderne ist Wissen.

wortstark: … Was für ein wunderbarer Satz… Wäre ein guter Schluss-Satz, aber da sind wir noch nicht. Vorher wollte ich Ihnen noch die offene Frage stellen: Wenn Ihnen aus Ihrem Kontext noch etwas einfällt, was hier nicht angesprochen wurde, aber was Ihnen wichtig ist, dann finden Sie hier Raum dafür.

Dr. Schmid-Neuhaus: Meine Antwort schließt sich unmittelbar an den letzten Punkt „mehr Wissen“ an. Mehr Wissen heißt gleichzeitig, dass ich mit diesem Wissen nur agieren kann, wenn ich mit mehr Mut herangehe – Ausdruck einer emotionalen Qualität und Kraft. Wissenszuwachs hat als Konsequenz die Veränderung. Wenn ich mir die meisten meiner Beratungsfälle anschaue, dann geht es um so etwas wie Veränderungsmanagement. Dabei geht es sowohl um Wissensaspekte aber auch um emotionale Fähigkeiten. Ich sprach von Mut. Wenn ich von Mut spreche, sollte ich auch von Angst sprechen, die wir auf merkwürdige Art tabuisiert haben. Wenn ich mir anschaue, welche Unternehmen sind gefährdet: Das sind die Unternehmen, die sich nicht mit aller Sensibilität, allem Mut und aller Neugier der Frage stellen „Wie wird sich unsere Welt verändern?“. Sondern stattdessen in bekannten Mechanismen ängstlich die Optimierungsmodelle des Vergangenen praktizieren. An der Stelle ist meine Erfahrung: Wer die Zukunft erleben will, muss sich für die Veränderungsströme öffnen und das ist sowohl ein Wissens- als auch ein emotionaler Prozess.

wortstark: Für die Veränderungsströme öffnen… das klingt großartig. Haben Sie einen pragmatischen Tipp zum Abschluss, wie das gelingen kann?

Dr. Schmid-Neuhaus: Zu der wesentlichen Fähigkeiten, diese Öffnung zu leben, gehört Kooperation, Interdisziplinarität und Globalität. Da gibt es kein Abschotten, weder gegen Entwicklungsländer noch gegen fundamentalistische Weltanschauungen. Wir müssen unseren kleinen fragilen Planeten Erde in seiner Gesamtheit sehen und uns der Vielfalt des Lebendigen mit großer Offenheit stellen.

wortstark: So. Jetzt bin ich still und zufrieden. Vielen Dank für dieses vielfältige und sehr lebendige Interview, Herr Dr. Schmid-Neuhaus.

Dr. M. Schmid-NeuhausSie erreichen Dr. Mark Schmid-Neuhaus unter
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