Mit neuem Zeitgefühl an den Start

Liebe Leserinnen und Leser,

während die Natur sich farbenfroh in die bevorstehenden Ruhepause verabschiedet, ist für uns Menschen nach dem Sommer Durchstarten angesagt. „Gehen Sie zurück auf Los“ heißt es bei Monopoly und vielen anderen Spielen. Nicht das Frühjahr, sondern der Herbst ist der Nullpunkt in unserer Leistungsgesellschaft, von dort laufen wir die nächste Runde. Das neue Schuljahr beginnt im Herbst, das neue Semester beginnt im Herbst, viele Firmen starten im vierten Quartal ihr neues Geschäftsjahr, im Oktober, November oder spätestens mit dem kalendarischen Jahreswechsel, zu dem wir uns halb amüsiert, halb resigniert von Miss Sophie sagen lassen werden „same procedure as every year“.

Als ich anlässlich meines 10-jährigen Firmenjubiläums im Sommer 2009 mit einem Fuß aus meinem gewohnten Hamsterrad ausstieg, indem ich parallel zu meinem beruflichen Alltag LKW fahren lernte, habe ich aus anderer Perspektive einen neuen Umgang mit der Zeit für mich entdeckt: Gelassenheit. LKWs sind nicht schnell, dafür aber kraftvoll. Und beim Fahren mit dem Großfahrzeug ist nicht spontanes Durchwursteln angesagt, sondern Vorausschau und Übersicht, sie münden in langsame, große, souveräne Bewegungen. Als wuseliger ungeduldiger „Hamster“ lernte ich, elefantöse Gelassenheit auszuhalten und schon bald… sehr zu genießen. Sich in unserer hektischen, ständig an allem sparenden Welt plötzlich Zeit und Raum zu nehmen – eine tolle Erfahrung. Seit ich ab Frühjahr 2010 beide LKW-Führerscheine (C und CE) in der Hand hielt, sehe ich mich nach Fahrmöglichkeiten um, weil LKWs für mich zum Inbegriff einer neuen intensiven Zeitwahrnehmung, ja, sogar einer neuen Lebenseinstellung geworden sind, auf die ich nicht mehr verzichten möchte. Derzeit schreibe ich an einem Buch über diese Erfahrung (einschließlich Einblick in die von Zeitdiktatur geprägte Welt der Berufskraftfahrer) und werde Sie informieren, wenn es erscheint.

Der nächste persönliche Aha-Effekt in Sachen Zeit schloss sich unmittelbar an das nachfolgende abgedruckte Interview mit dem Zeitforscher Prof. Karlheinz Geissler an, welches ich Ende August führte. Ich hatte und nutzte die Möglichkeit, zwei Wochen lang einen Arbeitsalltag ohne Uhr auszuprobieren. Das Ergebnis des Experiments: Selten habe ich so konzentriert und produktiv gearbeitet und so gute, erfüllende Pausen erlebt. Endlich hatte ich mal das wohltuende Gefühl, Zeit zu haben und mit dem Leben im Fluss zu sein. Mein Tipp: Wann immer Sie sich mal ins stille Kämmerlein zurückziehen können, lassen Sie die Uhr draußen!

Bevor Sie nun im Herbst zurückkehren auf die breiten Pfade der Gewohnheit, immer mehr Termine fixieren und sich immer mehr abhetzen, um alles noch irgendwie zu schaffen (früher oder später auch sich selbst), informieren Sie sich jetzt in aller Ruhe über den großen Irrtum Zeitmanagement und was Sie tun können, um nicht länger Zeit zu sparen sondern Ihre Zeit zu leben.

Viel Spaß beim Lesen und Leben

Ihre Annette Hartmann

Schneller am Ziel und früher am Ende? Alternativen zum Zeitmanagement

wortstark: Herr Prof. Geissler – Sie haben den größten Teil Ihres Berufslebens als Universitätsprofessor für Wirtschaftspädagogik gearbeitet. Wann und wie kamen Sie auf die Zeitforschung und Zeitberatung? Gab es hierfür ein Schlüsselerlebnis?

Karlheinz Geißler: Ich frage mich immer, wie man nicht auf die Zeit kommen kann? (lacht) Mein Schlüsselerlebnis war natürlich meine Geburt, da habe ich nicht nur das Licht der Welt sondern auch die Zeit der Welt entdeckt. Ich bin da reinversetzt und mit der Zeit konfrontiert worden – glücklicherweise - und irgendwann habe ich mir natürlich Gedanken darüber gemacht, das war ein zweiter Schritt. Durch meinen Beruf als Wirtschaftspädagoge beschäftigte ich mich damit, wie Berufe entstehen oder ergriffen werden. Die Arbeit eines Pädagogen besteht hauptsächlich darin über die Zeit anderer (Schüler) zu entscheiden. Wann die Schule anfängt, wann man im Leben eine Berufsausbildung anfangen kann, wie lange ich an einem Thema arbeite, usw. Mich faszinierte das Thema Zeit sehr stark und ich merkte während meiner Unizeit, dass das noch keiner im Bereich „Pädagogik“ systematisch erforscht hatte.

wortstark: Und warum ausgerechnet Sie? Was war der Auslöser?

Karlheinz Geißler: Es gab verschiedene Anlässe: Einer, als ich heiratete und Vater wurde. Da war ich plötzlich mit Zeitformen konfrontiert, die ich ganz aus den Augen, besonders aber aus dem Sinn verloren hatte, denn Kinder leben Zeit anders als Erwachsene, mein Sohn anders als ich. Da war ich gefordert und mir wurde klar, dass man auch anders mit Zeit umgehen kann. Und mit welchen zeitlichen Vorurteilen ich selbst belastet war, meinen eigenen Entfremdungen, dass ich meinen Gefühlen nicht mehr getraut habe wie das ein kleines Kind macht. Ein anderer Anlass war meine Zeit als Berufsschullehrer, wo ich 16-jährige junge Frauen unterrichtete, die völlig anders mit Zeit umgingen, als ich das aus meiner eigenen Schulzeit gewohnt war.

wortstark: Beispiel?

Karlheinz Geißler: Lernbereit waren die eigentlich erst gegen 11 Uhr. Die Schule begann aber um 8 Uhr. Vom Gymnasium war ich gewohnt, dass man, wenn man etwas nachgepennt hatte, wenigstens so ab 9 Uhr lernfähig war. (lacht) Aber die Berufsschülerinnen, die ja die anderen Wochentage arbeiteten, brauchten eine Zeit der Umstellung vom dortigen Arbeitszeitmuster zum Lernzeitmuster in  der Schule. Arbeiten kann man schematisch, auch ohne innere Beteiligung, die kann man durchziehen, ohne sich groß zu engagieren. Lernen, wenn’s erfolgreich sein will, aber nicht. Das geht nur, wenn man sich selbst engagiert. Arbeiten kann man delegieren, Lernen nicht. Dieser Unterschied zwischen den Zeiten der Arbeit und denen des Lernens war ein weiterer Anlass, mich näher mit Zeit zu beschäftigen und darüber zu forschen.

wortstark: Wann war das ungefähr?

Karlheinz Geißler: Berufsschullehrer war ich in den 70ern, und die systematische Bearbeitung erfolgte dann, ich brauchte ja erstmal eine Stelle an der Universität, um entsprechende Forschungskapazität zu haben, Anfang der 80er.

wortstark: Danke. Zeit wird in unserer Wirtschaftswelt als Ressource betrachtet und genauso wie für die Ressourcen Geld, Personal oder Rohstoffe gibt es hierfür ein eigenes „Management“, das Zeitmanagement. Sie stellen dagegen, Zeit könnten wir weder managen noch sparen. Wie ist nun Ihr Verständnis von Zeit?

Karlheinz Geißler: Für mich ist Zeit nicht das, was wir haben, sondern das, was wir sind. Zeitmanagement hingegen geht davon aus, dass wir Zeit haben, sie wie ein Werkzeug benutzen könnten. Das ist eine Vorstellung, die erst mit der Uhr und der Neuzeit aufkam. Die längste Zeit der Menschheit lebte man ganz anders mit Zeit und hatte ein ganz andere Vorstellung von Zeit. Mit der Erfindung der Uhr hat man die Zeit aus sich selber in diese Uhr verlagert. So wurde das Messgerät zum Inhalt von Zeit. Das ist ein Fehlschluss, die Uhr hat keine Zeit, die Uhr misst nur die Zeit. Wir verwechseln permanent Uhr und Zeit. Nur dadurch ist Zeitmanagement möglich und deshalb ist auch alles Zeitmanagement eigentlich Uhrzeitmanagement.

wortstark: Okay…

Karlheinz Geißler: Zeitmanagement ist eigentlich Erziehung zur Uhrzeit für Erwachsene. Die braucht der Mensch deswegen, weil die Uhrzeit un-menschlich ist, deshalb muss er dazu erzogen werden. Ein Mensch wird in die Schule geschickt, damit er pünktlich wird. Er wird nicht pünktlich geboren! Sondern er wird pünktlich gemacht!

wortstark: (lacht) Was für eine Aussage! – Wobei es das ja auch gibt, diesen errechneten Geburtszeitpunkt. Das wäre dann immer allen Beteiligten am liebsten, wenn das Kind wirklich genau pünktlich kommt, dann müssen sie am wenigsten Urlaub nehmen und den Ärzten ist es auch lieber.

Karlheinz Geißler: Deswegen gibt es ja auch immer weniger Sonntagskinder, weil es den Ärzten ungelegen kommt.

wortstark: Ich bin übrigens am 30.12. geboren, das war sehr unpassend, die Schwestern hatten alle keine Lust, nur Sylvester wäre es noch schlimmer gewesen. Ich war eine Frühgeburt und man konnte mich zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin nicht aufhalten. Soviel zum Thema unpünktlich - ich war´s auch…

Karlheinz Geißler: Der Mensch ist nicht pünktlich oder unpünktlich, er kommt immer zur rechten Zeit. Auch unpünktlich kommt man immer zur rechten Zeit.

wortstark: Das tröstet mich!- Doch jetzt habe ich noch mal eine Frage zu diesen Zeitmanagement-Tipps. Ganz so unmenschlich wie Sie sagen finde ich die nicht. Da heißt es doch zum Beispiel immer, man soll seinen Biorhythmus erforschen und beachten. Oder dass man sich mal mehr auf eine Sache konzentrieren und die durchziehen soll, damit man sich nicht ständig umstellen muss, weil das so viel Zeit kostet. Diese Tipps finde ich hilfreich. Was sagen Sie denn dazu?

Karlheinz Geißler: Bei diesen Tipps geht es um Selbstmanagement. Die sind gut und gleichzeitig bedenklich. Da wird ein Element herausgegriffen, nämlich die eigene Zeitnatur. Die ist biologisch fixiert, die ist rhythmisch organisiert. Dazu gibt es eindeutige Forschungsergebnisse, die man in Tipps umsetzen kann. Das machen die Chronobiologen, die dann ausrechnen, wie viel Schlaf der Mensch braucht. Oder wie die Arbeitskurve verläuft.

wortstark: Was ich meine: Ich gebe in meinen Seminaren häufig den Tipp, bei Kommunikationsaufgaben nicht ständig zwischen mehreren Sachen zu springen, also Multitasking, sondern eine Sache vernünftig zu Ende zu bringen.

Karlheinz Geißler: Das kommt auf die Arbeit an: Bei oberflächlichen Arbeiten ist Multitasking überhaupt kein Problem. Aber wenn Sie einen Dialog führen, wo es um Beziehungen oder Konflikt oder Nähe geht, wäre jede Ablenkung schädlich. Im Rahmen meiner Zeitberatung mache ich darauf aufmerksam, dass verschiedene Zeiten miteinander kombiniert werden müssen. Der Mensch ist ja eine Symphonie aus Zeit. Das was er tut, gleicht der Arbeit eines Dirigenten. Wenn er dabei nur seine eigene Natur berücksichtigt, wäre das Quark! Wie soll er die eigene Natur beachten, wenn er um 8 Uhr im Büro sein muss?

wortstark: Hm. Nun hatten Sie mir ja in unserem Kontakt überlassen, wann ich Sie anrufe. Sie wollten keinen Termin vereinbaren. Ich habe mir gedacht: Der arme Mensch, ich rufe dann einfach überraschend an und dann hätten es Ihnen aber vielleicht gerade zu dieser Zeit nicht gepasst… oder sagen Sie dann eben ab?

Karlheinz Geißler: Ja, das hätte ich Ihnen schon gesagt. Dann hätte ich darum gebeten, dass Sie in einer halben Stunden noch mal anrufen. Jetzt war es so, dass ich gerade in so einer Zwischenzeit war zwischen Zeitunglesen und meinen Schreibtisch. Das war eine Übergangszeit. Das war hervorragend, dass Sie da angerufen haben.

wortstark: Also ein glücklicher Zufall?

Karlheinz Geißler: Ja, wenn ich etwas oberflächlich mache, dann kann ich auf so etwas reagieren. Es ist natürlich so, dass wenn der Kaffee noch nicht fertig herausgelaufen ist, dann hätte ich gesagt „Moment, ein paar Minuten noch“, denn dann hat der Espresso Priorität. Es geht einfach darum, meine Spontaneität nicht mit Terminen festzuzurren. Wenn ich jetzt einen Termin mit Ihnen gemacht hätte, für 10 Uhr. Dann wäre ich mit dem Termin schon an die Zeitung gegangen, oder an den Kaffee und alles hätte ich bis 10 Uhr erledigt haben müssen. Ich kann mich auch nicht vor dem Interview an den PC setzen. Das beschäftigt mich dann schon implizit, es geht stimmungsmäßig in alles ein, was ich vorher tue und bestimmt mein Verhalten.

wortstark: Das finde ich echt hochspannend… aus diesem Interview lerne ich! Ich mache sehr viele Termine, damit Sachen zustandekommen. Allen bisherigen 61 InterviewpartnerInnen habe ich Termine vorgeschlagen und da hat keiner gesagt: „Na, dann rufen Sie mal irgendwann an“.

Karlheinz Geißler: Ich kenne auch Leute, die das anders machen.

wortstark: Ich weiß aus einem Interview über interkulturelle Verständigung, dass es im Ausland oft anders ist. In Spanien heißt es mañana mañana (morgen, morgen)… die sind gar nicht so mit Terminen.

Karlheinz Geißler: Ja. Es gibt noch einen anderen Aspekt: Wenn Sie einen Termin mit mir machen, dann habe ich die ganze Verantwortung, auch bereit zu sein. Die will ich aber nicht allein tragen. Wenn wir uns aber spontan abstimmen, teilen wir die Verantwortung. Sie haben ein Risiko und ich auch. So können Sie mich nicht erwischen, dass ich unpünktlich bin! (lacht)

wortstark: (lacht) Hätten Sie davor solche Angst gehabt? Interessant! Aber ich könnte Sie noch auf dem falschen Fuß erwischen!?

Karlheinz Geißler: (lacht) Dann vertage ich es eben. Aber mir ist wichtig: Pünktlichkeit ist nichts Natürliches, nichts Selbstverständliches, nichts Moralisches, sonders etwas Organisatorisches. Und die Frage ist: Will ich mich über die Pünktlichkeitsmoral selbst organisieren? Das hat Vor- und Nachteile. Ich erlebe es eher nachteilig, ich fühle mich anders wohler.

wortstark: Nun habe ich eine Anschlussfrage: Sie kennen doch sicher im Buch „Der kleine Prinz“ diesen Dialog zwischen Fuchs und Prinzen, wo der Fuchs dem Prinzen beibringt, wenn er immer wieder zur gleichen Zeit an die gleiche Stelle kommt, wird er, der Fuchs, da sein. Das ist der Beginn von Freundschaft, da wächst Vertrauen. Wenn die Zwei aber nun keine Termine miteinander ausmachen wollten, wie sollten sie denn sonst zusammenkommen? In der freien Natur würden sie sich sonst vielleicht nie sehen?

Karlheinz Geißler: Er sagt: „Zur gleichen Zeit“, er sagt nicht zum gleichen Zeitpunkt. Wenn sie sich, wie es wahrscheinlich ist, täglich zu Sonnenuntergang treffen, dann treffen sie sich zur gleichen Zeit, aber nicht täglich zum gleichen Zeitpunkt. Der Deutsche liest Zeitpunkt, der Afrikaner gegen Abend. Und das ist gut so, sonst gäbe es keine unterschiedlichen Kulturen. Nur der Deutsche will den Afrikaner pünktlich machen, der Afrikaner den Deutschen aber nicht unpünktlich. Wir sollten wieder etwas mehr Afrikaner werden, zumindest in Zeithinsicht, die sind, wenn’s um Zeit geht, toleranter, demokratischer als wir. 

Aber historisch gesehen ist die gleiche Stunde nie das, war wir Deutsche heute darunter verstehen. in der Bibel steht zum Beispiel: „zur 9. Stunde,“ das heißt nicht um 9 Uhr, das heißt „morgens.“ Wir kennen das noch von den „Teestündchen“ oder, noch schöner, von den „Schäferstündchen“. Die schönsten Stunden sind eben keine exakten Stunden, sondern mal länger, mal kürzer.

wortstark: Aber wie ist das jetzt mit diesem Verabreden?

Karlheinz Geißler: Im Grunde geht es dabei um Verbindlichkeit. Der Mensch ist nicht beliebig, sondern ich möchte mich auf ihn verlassen können. Dazu reicht es doch, wenn ich mich zu Sonnenuntergang verabrede. Ich brauch doch zum Verabreden keine Uhr. Ich bin doch kein Kuckuck, der genau zu jeder vollen Stunde erscheint – und der deshalb auch mechanisch sein muss und nicht lebendig sein darf.  Das ist ja das Schöne, dass der Mensch eben keine Uhr ist, sondern sich auf Situationen ein- und umstellen kann. Der Mensch und sein Rhythmus sind elastisch. Und diese Elastizität macht die Produktivität aus. Und wenn Sie ihn veruhrzeitlichen, machen Sie ihn unkreativ und unproduktiv. Deshalb können ja auch Künstler nicht nach der Uhrzeit kreativ sein.

wortstark: Das kann ich nachvollziehen. Wenn ich künstlerisch so richtig „im Flow“ bin, um es mit dem Lieblingswort dieses berühmten Ungarn zu sagen, dann vergesse ich auch immer die Zeit, da vergesse ich auch, etwas zu essen. Da bin ich völlig weggetreten.

Karlheinz Geißler: Das geht vorübergehend, für den Moment. Das könnten Sie aber nicht Ihr ganzes Leben lang so machen. So ist der Körper nicht organisiert. Danach müssen Sie wieder in einen regelmäßigen Rhythmus übergehen. Wenn Sie zum Beispiel unseren Grundrhythmus betrachten, den Herzschlag. Das Herz ist rhythmisch, das sehen Sie auf jedem EKG. Jeder Herzschlag ist etwas anders. Wenn Sie nun das Herz vertakten im Sinne der Uhrzeit, dass jede Minute gleich lang ist, können Sie damit einen Herzinfarkt provozieren. Der Herzinfarkt ist letztlich ein Zeitinfarkt. Die Ungleichzeit, diese Inhaltsleere, diese Beliebigkeit der Uhr, wenn ich mich danach richte, versau ich mein Leben. Deshalb werde ich zurzeit so stark angefragt, kritische Artikel gegen dieses Uhrzeitmanagement zu schreiben. Die Betriebe fordern uns ja an, nicht weil sie sonst kein Zeitmanagement kriegen, sondern weil es auf Dauer nicht funktioniert. Das Zeitmanagement ist viel zu sehr auf das Individuum zugeschnitten. Dabei: Wer lebt allein in dieser Welt? Es wird aber so getan, als ob der Mensch allein über Zeit entscheiden könnte. Das ist unrealistisch und produziert mehr Probleme als es löst. Es weckt Illusionen.

wortstark: Hm. Aber die sprechen sich doch alle extra ab, um wirklich zusammenzukommen? Das ist doch viel Kommunikation, gemeinsamer Wunsch und Hinwendung?

Karlheinz Geißler: Das Zeitmanagement ignoriert doch völlig, was man hier koordiniert und wie? Da wird der Kalender her genommen und man macht einen Termin. Dabei steht der Kalender im Mittelpunkt. Wenn ich in einen Betrieb komme, heißt es zum Beispiel immer: „Wir fangen gemeinsam an“. Dann frage ich: „Warum?“ Warum kann der eine nicht um 9 Uhr kommen? Was macht die Gemeinsamkeit aus? Es gibt Zeitmuster, wo es legitim ist, wenn beide gleichzeitig anfangen. Aber es gibt auch andere Zeitmuster und Arbeiten, die andere Zeitmuster erfordern. Dazu kommt immer die Rhythmizität des Einzelnen und die der Organisation. Und dann gibt es noch die so genannten unproduktiven Zeiten, die in unserer Gesellschaft zu unrecht schlecht angesehen sind und als „verlorene Zeit“ gelten. In meinem jüngsten Buch „Lob der Pause“ geht es um diese Wartezeiten und sonstigen Pausen.

wortstark: Danke. Nächste Frage. Wir haben in diesem Land offiziell, Stand Juli 2010, rund 3,2 Millionen Arbeitslose –

Karlheinz Geißler: - Sie meinen Zeitreiche?

wortstark: (lacht) Aha, also jedenfalls Leute mit sehr viel Zeit, die jedoch oft als unproduktiv erlebt und deshalb eher erlitten als genutzt wird. Gleichzeitig arbeiten sich die, die Arbeit haben, fast tot und empfinden subjektiv einen dauerhaften Zeitmangel. Unglücklich sind offenbar beide. Gibt es eigentlich Überlegungen zu „Zeitgerechtigkeit“ in der Gesellschaft?

Karlheinz Geißler: Das Problem der Arbeitslosen ist ja nicht, dass sie keine Arbeit haben, sondern dass sie kein Geld haben.

wortstark: Keines? Es gibt ja schließlich etwas.

Karlheinz Geißler: Ja, aber nur so wenig, dass es sie gegenüber den anderen absetzt. Auf jeden Fall identifizieren wir, die Arbeit haben, Arbeitslosigkeit als Problem. Dabei geht es hier eigentlich um das Mindesteinkommen. Bei den Arbeitslosen geht es eher darum, deren Zeitreichtum in Produktivität umzusetzen.

wortstark: Also ich kenne nur wenige Arbeitslose, aber deren Problem ist eigentlich weniger Geldmangel wie Sie das eingangs sagten, sondern Sinnmangel. Die wollen gebraucht werden und etwas Sinnvolles tun, eingebettet in die Gesellschaft.

Karlheinz Geißler: Eben, man muss ganz anders herangehen an das Thema Arbeitslosigkeit. Bei einem großen Konzern hatten wir reihenweise Ingenieure, die mit 48 Jahren plötzlich in der Abteilung nicht mehr gebraucht werden. Der Konzern hat ihnen für ihre restliche Berufstätigkeit das Einkommen garantiert, aber es war sehr schwierig, mit den Leuten herauszufinden, was sie jetzt mit dieser neuen Situation anfangen wollen. Das Geld war da, aber die „Wunschproduktion“ war das Problem. Und genau um das geht es auch bei den Arbeitslosen, die in unserer Gesellschaft ja zumindest gegen das Verhungern abgesichert sind.

wortstark: Irgendwann nicht mehr. Es werden ja immer mehr, das System trägt das ja nur bedingte Zeit.

Karlheinz Geißler: Ja. Da wird uns schon etwas einfallen. Denkbar ist, dass man irgendwann dafür, dass man arbeiten darf, gewisse finanzielle Opfer bringen muss.

wortstark: (lacht) Was? Das ist ja auch eine tolle Uminterpretation!

Karlheinz Geißler: Ja wenn Sie sagen, die leiden unter ihrer Sinnlosigkeit, dann wäre das ja auch eine Lösung. Als Hochschullehrer arbeite ich ja auch oft viel mehr, als ich müsste. Das ist genau der Punkt. Es geht eben nicht mehr, dass man für jeden Handgriff bezahlt wird sondern dass man in seine Sicherheit investiert. Wir regen uns doch zu recht darüber auf, dass der Finanzmensch für jede Finanztransaktion einen Bonus bekommt, jeder Klick, den er an seinem Computer macht, wird extra bezahlt. Die Boni müssten viel höher besteuert werden.

wortstark: Ich fasse noch mal zusammen: Wir haben beim Thema Arbeitslosigkeit sehr schnell die Zeitdimension verlassen und die Sinndimension erreicht. Jetzt sind wir eigentlich dick drin in der Systemveränderung!

Karlheinz Geißler: Wenn Sie statt Arbeitslosigkeit Zeitreichtum sagen, gehen Sie aber schon mit dem Problem völlig anders um. Darum geht es, um einen Perspektivenwechsel, damit wir zu anderen Lösungen kommen, die ich zwar jetzt auch nicht im Detail ausbreiten kann, aber dem Problem, das wir seit zig Jahren mit uns schleppen, eine Wendung zu geben.

wortstark: Ja, angekommen. Gibt es denn in Ihrem Bereich den Begriff „Zeitgerechtigkeit“ schon, ich habe mir den einfach so überlegt…?

Karlheinz Geißler: Den Begriff gibt es im Sinne der allgemeinen Verteilungsgerechtigkeit und hier vor allem im Bezug zwischen Männern und Frauen, vor allem bei bezahlter Zeit. Männer werden eindeutig besser bezahlt als Frauen. Deshalb haben wir ja auch in der von mir mitgegründeten „Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik“ dazu beigetragen, das Elterngeld auf den Weg zu bringen. Frau von der Leyen ist die erste Familienministerin, die gesagt hat: Familienpolitik ist Zeitpolitik! Das wird jetzt zum erstmalig so gesehen. Es geht um die gerechtere Verteilung von Zeit und Geld.

wortstark: Nun haben wir uns sehr um die Arbeitslosen bzw. Zeitreichen gekümmert. Was raten Sie denn denen, die Arbeit haben?

Karlheinz Geißler: Die Zeitgehetzten? Ich bin kein Entschleuniger, sondern ein Enthetzer. Wer entschleunigt, sagt: Es muss alles langsamer werden. Ich dagegen bin dafür, dass nur die überflüssige Beschleunigung abgebaut wird, die negative Effekte hat. Ich bin dagegen, dass der Notarzt mit dem Fahrrad kommt. Vieles ist besser, wenn es schneller abläuft. Aber schnell ist nicht per se gut und langsam ist nicht per se schlecht. Es geht darum, Zeitqualität und Zeitvielfalt zu erhöhen.

wortstark: Was mir gerade dazu einfällt: Was halten Sie eigentlich von „slow food“?

Karlheinz Geißler: Tja, jede Beschleunigungsgesellschaft hat ihre Formen der Sehnsuchtsverarbeitung. Die Slow-Food-Anbieter sind inzwischen im Markt integriert, genauso wie Kloster-Urlaube, das sind alles Reaktionen auf die Beschleunigung, die aber keinen Umbruch bringen. Der Fast-food-Bereich steigt umsatzmäßig viel stärker als der Slow-Food-Bereich. Das sind Luxusprodukte der Beschleunigungsgesellschaft, die ihre Sehnsüchte verarbeitet. Das macht ja die Stabilität des Kapitalismus aus, dass er alle Probleme die er sich schafft, auch wieder zu Geld machen kann. Bei Slow-Food ist es ja so: Sie essen langsamer, aber der Koch muss dafür hetzen.

wortstark: (lacht) … das weiß man nicht, vielleicht bummelt der ja auch, denn ich habe ja Zeit?

Karlheinz Geißler: Ne, der bummelt nicht. Wenn der bummeln würde, dann gehen Sie nicht mehr hin! (lacht)

wortstark: Was erwartet jemanden, der bei Ihnen in die Zeitberatung kommt?

Karlheinz Geißler: Der hat ein Bedürfnis, einen anderen Blick auf die Zeit zu werfen, durch die er die Probleme, die er im Alltag mit der Zeit hat, abmildern kann. Ich glaube nicht, dass sich Zeitprobleme lösen lassen, denn jede Lösung eines Zeitproblems schafft ein neues. Es geht eher darum, sich die schönen Zeitprobleme im Leben herauszusuchen.

wortstark: Nämlich?

Karlheinz Geißler: Die einem Spaß machen. Zum Beispiel die Überraschung, wann Sie anrufen. Mit einem Termin versuchen Sie, ein Zeitproblem zu lösen und haben dann andere Zeitprobleme, weil Sie nämlich andere Termine absagen mussten oder nicht eingehen konnten. Und wenn Sie einfach anrufen, habe ich das Problem, dass ich spontan damit umgehen muss. Aber das ist mir das liebere Problem. Die Zeitmanagement-Bücher geben immer Tipps, wie man To-do Listen erstellt, was dabei wichtig ist und was weniger wichtig ist. Das ist völliger Quark und realitätsfremd. Am nächsten Tag sind schon ganz andere Sachen wichtig.

wortstark: Stimmt. Deshalb plane ich auch möglichst eher kurzfristig. Wie viel Zeit muss sich die Person für Ihre Beratung nehmen?

Karlheinz Geißler: Je nachdem, wie neugierig sie ist und wann sie genug hat. Manchen reicht schon ein Vortrag für einen anderen Blick auf die Zeit. Andere sagen, das war gut, kommen Sie mal drei Tage bei uns vorbei.

wortstark: Und dann machen Sie Termine?

Karlheinz Geißler: Ja klar, Termine gibt es selbstverständlich. Wir leben ja nicht in einer völlig wilden Spontanwelt. Bei unserer Zeitberatung kombinieren wir immer drei Zeitrealitäten, die sich als Zeitanforderungen niederschlagen: 1) Individuelle, biologische Zeitrealitäten, 2) Aufgabenzeiten und 3) die Zeiten des organisatorischen Arbeitsumfeldes und des privaten Umfeldes (Familie).

wortstark: Wie läuft so eine Zeitberatung ab und wie stellen Sie den Erfolg Ihrer Beratung fest?

Karlheinz Geißler: Den Erfolg stellt der Kunde fest. In der Beratung versuchen wir, person- und problemorientiert herauszufinden, was für Zeitmuster und Zeitanforderungen vorliegen.  Die Kollision von Zeitanforderungen nennen wir Zeitdruck oder Zeitproblem. Aber es muss erstmal klar werden, was kollidiert da? Das ist manchmal schon die Lösung. Die Leute brauchen oft gar keine Tipps, weil sie plötzlich sehen, was sie vorher nicht gesehen haben.

wortstark: Offene Frage: Wenn Ihnen aus Ihrem Kontext noch etwas einfällt, was hier nicht angesprochen wurde, aber Ihnen wichtig ist, dann finden Sie hier Raum dafür.

Karlheinz Geißler: Was ich mir wünschte, ist, dass die Menschen die Zeit mehr in Qualitäten denken und weniger in Uhrzeitkategorien leben und denken. Die Uhr ist ein toter Gegenstand und wenn ich leben will, brauche ich keine tote Zeit sondern lebendige Zeit, besonders dann, wenn ich gut leben will. Termine brauche ich dazu nicht – „terminare“ heißt bekanntlich beenden. Lassen Sie uns Schluss machen mit den Terminen und anfangen, mit der Zeit zu leben.

wortstark: Was für ein Schlusswort… Vielen Dank für dieses intensive und lebendige Interview, Herr Professor Geißler.

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