Vom Telefonknochen zum Smartphone: Das Handy wird volljährig

Liebe Leserinnen und Leser,

wir alle benutzen es heutzutage täglich, vom Schulkind bis zur Top-Managerin: Das Handy. Vor 18 Jahren kam das erste Gerät auf den Markt, damals noch kiloschwer, kaum bezahlbar und unhandlich. Heute passt das kleine hochtechnisierte Massenprodukt in jede Hemd- oder Handtasche, praktisch, aber auch leicht zu übersehen. Von dort aus dudelt es fröhlich noch in die unpassendste Situation hinein. Doch ob das mobile Medium vorwiegend zum Störfall oder Notfallretter wird, zum Arbeitsgerät oder zum Spielzeug, zur Fessel oder zum Befreiungsmittel, entscheidet immer noch der Besitzer, die Besitzerin. Vorausgesetzt, er oder sie ist sich dieser Entscheidungsmöglichkeiten bewusst. Medienkompetenz heißt eben nicht „was kann das Handy?“ sondern „was kann der Mensch mit dem Handy?“ Deshalb geht es auch in dem nachfolgenden Interview weniger um die technischen Möglichkeiten des heute zum „smartphone“ weiterentwickelten Mini-Computers, sondern um die Einsatzgewohnheiten und gesellschaftlichen Regeln im Umgang mit diesem vergleichsweise neuen Medium, und zwar unter anderem im Kontext des Unternehmens.

Ich bin froh und dankbar, für dieses Thema Deutschlands Handy-Forscher Nr. 1, Professor Joachim Höflich von der Universität Erfurt an den Apparat bekommen zu haben: Er gehört zu den Pionieren hierzulande, behält aber durch seine kulturkreisbezogene Perspektive stets auch die globale Vielfalt im Blick, wodurch uns Deutschen unsere Kultur überhaupt erst bewusst wird. Höflich weist darauf hin, dass jede Gesellschaft dieser Welt anders mit dem Handy umgeht. Erstmals hätten auch die weniger industrialisierten Länder auch eine Chance haben, medial nachzuziehen – mit absehbar starken Folgen. Er erzählt vom afrikanischen Landwirt, der sein Handy einmal die Woche in das nächstgrößere Dorf zur Ladestation an der Autobatterie bringt und in der Zeit dazwischen eine völlig neue Freiheit erlebt. Und vom pakistanischen Bettler, der sich eine Gabe direkt auf sein Handy aufbuchen lässt und vom Fischer, der mit seinem Fang höhere Preise erzielt, weil er von hoher See aus schon an der Küste anruft und erfährt, wo welcher Fisch gebraucht wird. Das Handy hat also global das Leben der Menschen verändert. Doch leider hätte diese weltweite Sicht den Rahmen des Newsletters gesprengt, womit ich nach dem kurzen Rundblick wieder auf die Situation in unseren Breiten zurückkommen möchte. Selbst für die erstaunlichen und nützlichen Erkenntnisse für unsereins reicht kaum der Platz, deswegen lesen Sie zwei weitere Aspekte gleich auch noch im Editorial: Eng wird es künftig in unseren Hand- und Aktentaschen, wenn der Trend zum Dritt- und Vierthandy durchschlägt. Eins für privat und eins für den Beruf ist ja schon ein bekanntes Modell. Künftig kommt aber laut Prognosen noch mindestens das „bad-Handy“ dazu, für die Nummer, auf der Werbung und Anrufe fremder Personen landen. Also, sorgen Sie vor: Die Handies werden zwar immer kleiner, aber Sie haben bald mehrere davon.

Und bevor Sie in das Interview einsteigen, dürfen Sie raten, was ein Handy-Forscher für ein mobiles Medium benutzt… Na? Falsch! Kein ausgefeiltes edles High-Tech-Wunder, sondern ein einfaches Pre-Paid-Gerät. Professor Höflich bezeichnet sich als Pragmatiker, der sämtliche Abhängigkeiten von dem kleinen Begleiter (zum Beispiel bei Verlust oder Diebstahl) und vor allem auch die diversen Kontrollmöglichkeiten kennt, die der Handygebrauch mit sich bringt. Klingelt´s? Doch nun lassen wir den Experten selbst zu Worte kommen. Viel Spaß beim Lesen.

Ihre Annette Hartmann

Menschen, Mobiltelefone, Medienkompetenz

wortstark: Herr Professor Höflich – Sie sind Kommunikationswissenschaftler an der Universität Erfurt und beschäftigen sich unter anderem mit Mobiltelefonen. Wie kamen Sie zu diesem Forschungsfeld? Gab es hierfür ein Schlüsselerlebnis?

Prof. Joachim Höflich: Ich bin nicht mit dem Wunsch auf die Welt gekommen, mich speziell mit dem Handy zu beschäftigen. Von der Ausbildung her bin ich Ökonom, habe mich aber schon früh aus einer soziologischen Perspektive mit Kommunikation auseinandergesetzt. Ich habe zum Beispiel die Kommunikation in Krankenhäusern untersucht, auch was die neuen Medien angeht. Mir ging es um das Zwischenmenschliche. Eines Tages hatte ich mir das Medium Brief über Chat und Internet angeguckt. Im Jahr 2000 gab es kommunikationswissenschaftlich wenig Material zum Brief in einer telematischen Gesellschaft. Und in dieser Zeit schickten immer mehr Jugendlichen sms-Botschaften. Ich habe dann gemeinsam mit einem Kollegen schnell reagiert und wir verfassten die erste sms-Studie im deutschsprachigen Raum. Und dann ging es mit dem Handy los.

wortstark: Was reizt Sie daran?

Prof. Joachim Höflich: Mir geht es darum, wie Medien die zwischenmenschliche Kommunikation verändern: Unsere Beziehungen, unseren Alltag, unser Leben. Da ist das Handy eine Möglichkeit, um dem nachzugehen, vor allem auch ein Medium, an dem nachvollzogen werden kann, wie sich eine öffentliche Kommunikation verändert. Denn wenn das Handy nur zuhause benutzt würde, wäre es nichts anderes als ein Festnetztelefon ohne Kabel. Spannend wird es ja erst, wenn man das Ding rausträgt: Dann muss man sich Gedanken machen über die öffentliche Kommunikationsordnung. Jedes neue Medium bringt erstmal die bestehende Ordnung des Alltags durcheinander. Dadurch zeigen sich aber auch die verborgenen Grundmuster dieser Ordnung. Mehr noch als einst beim Kofferradio oder heute beim Public Viewing wird mit dem Handy erstmals in dieser Form das Private nach außen getragen. Die Frage ist, wie geht eine Gesellschaft mit dem neuen Spannungsfeld um? Wobei – da muss man vorsichtig sein – das Phänomen ist nicht insgesamt völlig neu: Richard Sennett hat schon Ende der 70er Jahre festgestellt, es gäbe eine neue „Tyrannei der Intimität“. Demnach benutzen Menschen den öffentlichen Raum nicht mehr als Raum des Schauspiels oder der Distanz sondern der Selbstverwirklichung.

wortstark: Ja, da habe ich auch den Eindruck. Vor allem in den U-Bahnen fällt mir auf, dass es so eine Art Exhibitionismus gibt, mit wem man und wie man da telefoniert…

Prof. Joachim Höflich: Dabei neigen wir Deutsche im internationalen Vergleich eher noch zu der zurückhaltenden Kategorie. Wir sind im unteren Mittelfeld der Handy-Telefonierer, hinter Italien, Spanien, selbst Israel.
Es gibt auf der anderen Seite aber auch Fälle wie Japan, wo das mobile Telefonieren seit Jahren zurückgeht, weil dabei die Gefahr so groß ist, das Gesicht zu verlieren. Egal wo man hinkommt in Japan: Überall Verbotsschilder, man möge das Telefonieren in der Öffentlichkeit unterlassen. Die sind derweilen ausgewichen auf Formen der schriftlichen Kommunikation via Handy, die keine Geräusche verursacht.

wortstark: Oh, das finde ich angenehm! Was das angeht, möchte ich lieber in Japan leben. – Kommen wir zu Ihren Studien. Ich hatte ja im März dieses Jahres in der Sendung „Wissen plus 1“ Ihren Beitrag gesehen, wo eine Studentin im Café ihr Handy absichtlich klingeln ließ und die Toleranz der anderen Cafébesucher auf die Probe stellte. Wie kamen Sie auf die Idee für diesen Versuch, was war Ihr Forschungsinteresse?

Prof. Joachim Höflich: Es ging mir darum, der vorhin schon angesprochen Ordnung auf die Spur zu kommen. Das funktioniert so, dass man die vermutete Ordnung verletzt. Das hat schon in den 60er Jahren ein amerikanischer Soziologe namens Garfinkel getan, und deshalb nennt man das auch etwas ironisierend „garfinkeling“. Wenn man zum Beispiel auf die Frage „wie geht es Dir?“ plötzlich weit ausholt und seine persönlichen Dinge offenbart, das wäre „garfinkeling“. Bei unserem Handy-Experiment haben wir untersucht, inwieweit das Umfeld durcheinander zu bringen ist durch Experiment 1: das Klingelnlassen des Handies. Wir haben festgestellt: Die Umwelt regt sich gar nicht so auf.

wortstark: Aber geguckt haben die alle ganz vorwurfsvoll…

Prof. Joachim Höflich: Ja, aber ansonsten haben sie nicht tatsächlich reagiert. Experiment 2 bestand in einer Variation der Klingeltöne. Von klassischen Telefonklingelmelodien bis zu Techno. Dabei haben wir festgestellt, dass nicht der einzelne Ton besonders aufregt, sondern dass es abhängig ist von der Situation. Wenn in der Jugendszene viel Techno gehört wird, dann wird ein Techno-Klingelton einfach mit in diese gewohnten Geräusche eingebaut, während der häusliche Telefonklingelton eher den Reflex auslöst: „Na, dann geh doch ran!“

wortstark: Was meinen Sie mit häuslichem Klingelton? Heute klingeln die Telefone doch alle verschieden, oder?

Prof. Joachim Höflich: Ja, ich meine jetzt das Klingeln, wo wirklich noch etwas klingelt. Denken Sie an die berühmte Szene bei Hitchcock im Film „Bei Anruf Mord“, wo Grace Kelly mit dem Telefonkabel stranguliert wird: DAS ist das klassische Telefonklingeln.

wortstark: Okay, also das frühere Klingeln, von den jahrzehntelang verbreiteten Festnetztelefonen. Und das führt also eher zum Reflex, abzuheben oder den anderen dazu zu bringen?

Prof. Joachim Höflich: Ja, wir sind hier offenbar so gut an diesen Ton konditioniert wie ein Pavlowscher Hund. Was wir außerdem herausfanden: Unsere Versuchspersonen gerieten aufgrund des Klingelns selber unter Druck und hatten richtige Stressgefühle. Die gaben dann zu Protokoll, was sie getan haben, um ihren Stress zu mildern. Der eine war froh, dass er eine Sonnenbrille auf hatte, dahinter konnte er sich verstecken. Die andere hat immer auf ihr klingelndes Handy geschaut und den Kopf geschüttelt, nach dem Motto: Da ist jemand, vielleicht ein Liebhaber, dessen Anruf ich nicht will. Damit signalisierte sie nach außen: „Ich bin ganz normal, ich will ja auch rangehen, aber ich habe einen guten Grund, es jetzt nicht zu tun“. Das ist ein Zeichen dafür, dass man im Kern das Handyklingeln am liebsten wegdefinieren wollte nach außen, um nicht den Eindruck zu erwecken, gestört zu sein. Damit zeigt derjenige, dass er so etwas wie eine öffentliche Kommunikationsordnung im Blut hat und eben nicht klingelnd stören will. Dies wiederum beweist eine gewisse Reife im Umgang mit dem Medium.

wortstark: Ui! Das ist ja ein toller Befund…

Prof. Joachim Höflich: Ja. Wenn ein Medium neu ist, bringt es wie gesagt die Ordnung durcheinander. Das können wir nicht dauernd ertragen und müssen Arrangements finden. Da schalten Leute in Sitzungen das Handy auf stumm, ziehen sich in Nischen zurück zum Telefonieren oder gehen kurz ran und sagen nur „ich melde mich später“. Oder sie drücken den Anruf weg. Wir dürfen nicht vergessen: Den Großteil der Anrufenden kennen wir. Und die kennen dann auch das Wegdrücken und können einordnen: Das macht der nicht bösartig, sondern weil er nicht kann. Diese ganzen Arrangements wurden also im Laufe der Jahre getroffen, zum Beispiel auch deswegen, weil man nicht will, dass jemand mithört.

wortstark: Genau, das meinte ich oben mit dieser Intimität, von der ich manchmal etwas überrascht bin, was man da zwangsweise alles mitbekommt.

Prof. Joachim Höflich: Wir haben herausgefunden, dass diese Wahrnehmung vom Alter abhängt: Je älter, desto mehr Zurückhaltung. Aber Kinder und Jugendliche, speziell auch noch in der Gruppe, sind in ihren Mitteilungen viel freier und offener. Aber es scheint hier einen rückläufigen Trend zu geben.

wortstark: Was die inhaltliche Substanz angeht?

Prof. Joachim Höflich: Insgesamt. Wir haben gerade eine Studie in Italien angefangen, mitten auf einer Piazza. Das Handy ist dort zwar immer noch Bestandteil des Alltagslebens, aber in einem Restaurant klingelt es mittlerweile fast nicht mehr. Vor einem Jahr war das noch ganz anders. Da etabliert sich so etwas wie eine Handy-Etikette, was Sie ja auch in Ihren vorbereitenden Fragen ansprechen. Unflätige, die sich an gar nichts halten, gibt es natürlich immer noch, auch in anderen Lebensbereichen. Diese Leute haben keine innere Grenzziehung, was zuhause und was äußerhäuslich passieren soll.

wortstark: Ist das eine Niveaufrage, also hängt es von der sozialen Schicht ab oder ist das jetzt ein Vorurteil von mir?

Prof. Joachim Höflich: Im Umgang mit dem Handy spiegeln sich die allgemeinem Umgangsformen wieder. Wenn man Leute befragt „Wo stört ein Handy?“, dann sagen 99% „in der Oper“ oder „bei einer Vorlesung“. Die Bevölkerung hat also schon eine gewisse Vorstellung, wo es stört. Nur: Von diesen 99% gehen nur 10% wirklich in die Oper und das sind genau die, die sowieso darauf achten, dass es nicht klingelt. Aussagefähiger sind jene Befragungen, die einzelne Situationen beleuchten. Als wir um 2001/ 2002 in den Schulen waren und dort die Kids befragten, hörten wir: „Ich kann ohne mein Handy gar nicht mehr weg und wenn ich es vergessen habe, gehe ich zurück und wenn es einen Kilometer ist.“ Mittlerweile stoßen wir auf die Aussage: „Wenn ich am Wochenende mit meiner Freundin ausgehe, dann lasse ich das Handy daheim oder schalte es aus.“

wortstark: Aha!

Prof. Joachim Höflich: Man schafft sich wieder Freiräume, möchte nicht immer unter dem Zwang zur Erreichbarkeit stehen. Wobei mittlerweile ja auch die anderen Kommunikationspartner darauf eingetaktet sind: Jeder kann sich in eine unangenehme Situation hineindenken, die mit dem Handy zusammenhängt.

wortstark: Also ist heute die Toleranz gegenüber Nichterreichbarkeit und dem Bedürfnis auf Privatsphäre größer geworden?

Prof. Joachim Höflich: Eindeutig, ja.

wortstark: Fluch und Segen der ständigen Erreichbarkeit ist ja ein heikles Thema: Es gibt ja Leute, die nehmen ihr Handy auch mit ans Bett oder aufs Clo. Die Dumme ist nur, was macht man, wenn es dort wirklich klingelt?

Prof. Joachim Höflich: Einer der Vorteil am Handy ist ja, dass niemand sieht, wo es benutzt wird. Psychologen haben schon ihren Klienten empfohlen, dass sie von zuhause aus mit ihrem Chef nackt telefonieren sollen, weil es das Ego stärken soll.

wortstark: Hm. Dann müssen dabei aber die Temperaturen passen, also nicht während so einem kühlen Mai wie jetzt! (lacht) - Aber bleiben wir doch gleich mal bei dem beruflichen Bezugsrahmen für die Kommunikation: Was sind die wesentlichen Forschungsergebnisse zur Verwendung des Mobiltelefons in dieser Welt? Vor allem Außendienst und Management werden hier untersucht worden sein, vermute ich…?

Prof. Joachim Höflich: Es gibt in Deutschland – noch – ganz wenige Studien zu den mobilen Medien in der Arbeitswelt. Einige kommen aus den USA. Ich habe zurzeit eine Magisterarbeit darauf angesetzt, das Bestehende erstmal zusammenzutragen. Eine der zentralen Forschungsergebnisse ist das „blurring“, das Verschieben und Verschwimmen von Grenzen, in dem Fall zwischen dem Beruflichen und dem Privaten. Das ist einerseits befreiend, denn man hat das Handy bei sich und arbeitet von zuhause. Die Männer fühlen sich freier, weil sie dann flexibler mit ihrer Familie weggehen können. Für die Frauen ist es aber ein weitaus größeres Problem, weil für sie nie klar ist: Wann arbeitet er, wann ist Familienzeit? Die Frauen haben auch das Bedürfnis nach einer Stopp-Regel und die wird durch den Handy-Einsatz eher in Frage gestellt.

wortstark: Und wie lässt sich das Problem lösen, gibt es da auch Ansätze?

Prof. Joachim Höflich: Das entwickelt sich. In den Anfangsjahren der E-Mail gab es ja auch Chefs, die Sonntagnachts um 12 noch eine E-Mail an ihre Mitarbeiter schrieben und davon ausgingen, dass sie montagsfrüh nachgucken, was sie an dem Tag zu tun hätten. Da wurde schon vonseiten der Unternehmen am Anfang auch Tyrannei eingebaut. Inzwischen geben sich die Firmen selber Regeln wie zum Beispiel: „Wenn ein Mitarbeiter krank ist, dann schreibt man ihm in dieser Zeit auch keine E-Mails.“

wortstark: Das heißt also, vonseiten der Unternehmen lässt der Druck der Erreichbarkeit auf „Heimarbeiter“ tendenziell nach. Wie ist das denn bei Leuten im Außendienst?

Prof. Joachim Höflich: Außendienst ist noch mal ein eigenes Thema. Da fährt ein Mensch von Hamburg nach wo auch immer. Früher hatte er während der Fahrt zwei drei Stunden Zeit, über Gott und die Welt nachzudenken. Sobald er im Hotel ankam, hat er Kontakt zur Außenwelt aufgenommen. Jetzt muss er in seiner Fahrzeit zig Telefonate führen. Da wird jede Lücke sofort gefüllt. Er kommt gar nicht mehr zum Überlegen, über gar nichts. Durch die ständige Anbindung zur Zentrale oder zu Kollegen werden die Leute auch mit der Zeit unselbständig.

wortstark: Ich bin mal im Rahmen eines Beratungsprojektes 10 Tage lang mit Außendienstlern bundesweit mitgefahren und hatte auch anschließend intensiv mit ihnen zu tun. Dabei gewann ich den Eindruck, dass die Außendienstler auch von sich aus jede Minute im Auto zum Telefonieren nutzen wollten. Denen war anscheinend allein im Auto langweilig.

Prof. Joachim Höflich: Ja. Wer beim Autofahren telefoniert, blendet seine Aufmerksamkeit für das Umfeld immer wieder fast vollständig aus. Ich beschreibe Ihnen später noch Experimente, die das auch für Piloten und andere Situationen bestätigen.

wortstark: Auch mit Freisprecheinrichtung, oder? Außerdem führen die ja stundenlange Gespräche…

Prof. Joachim Höflich: Klar. Das sind alles Gespräche, die Konzentration erfordern. Es ist ja nicht so, dass jemand ein Liedchen da reinsingt. Das sollten sich Unternehmen genau überlegen, wie gefährlich das sein kann. Da soll immer alles ökonomisch und rational sein und dann lassen sie die Leute im Auto stundenlang telefonieren. Der Fahrer muss ja nebenbei ständig in Hab-Acht-Stellung bleiben im Straßenverkehr. Das ist alles andere als ökonomisch.

wortstark: Aber wie gesagt: Die wollen das doch anscheinend auch selbst?

Prof. Joachim Höflich: Menschen haben verschiedene Warte-Biographien, das ist die Art, wie Wartezeiten verbracht werden. Wenn jemand jede Minute seiner Zeit nutzt, bringt er sich um Möglichkeiten der Selbstbesinnung. Da ist keine Zeit mehr zum Nachdenken. Früher konnte man erst zuhause oder am Arbeitsplatz seine E-Mails checken. Das macht man jetzt auch noch von unterwegs. Man wird richtiggehend verfolgt, und der Verfolgte merkt ja noch nicht mal etwas davon, weil er sich die Verfolger selber an den Hals hängt. Man kann schon einiges tun, sich das Leben sehr eng zu machen. Wir sind an der Grenze dessen, die wir packen können.

wortstark: In so einem Moment sagen immer alle lächelnd, sie seien „multi-tasking-fähig“…

Prof. Joachim Höflich: Das ist ein Mythos. Gerade haben wieder aktuelle Studien bewiesen, dass Menschen jämmerlich versagen, wenn sie mehr als zwei Dinge auf einmal machen sollen. Der neue britische Premierminister hat seinen Ministern verboten, im Kabinett das Handy zu benutzen.
Cameron sagte sich: Wenn da einer im Kabinett sitzt und mit seinem Handy beschäftigt ist, hört der dann überhaupt noch zu? Es gibt erschreckende Beispiele, wo Piloten abgelenkt wurden, und dann wurde ihnen virtuell ein anderes Flugzeug quer über die Landebahn gelenkt. Ein beachtlicher Teil hat es nicht oder zu spät bemerkt. Fazit: Wir können unsere Aufmerksamkeit nicht chronisch aufsplitten. Und das sms-Schreiben bindet übrigens noch mehr Aufmerksamkeit als das Telefonieren. Wenn also Frau Merkel im Bundestag emsig in ihr Handy tippt, können Sie davon ausgehen, dass sie nicht mehr viel mitbekommt. Immerhin verbietet sie es dann auch ihren Ministern nicht. So ein Medienumgang, den auch viele Führungskräfte in der Wirtschaft an den Tag legen, bildet eine Imagination von Aktivität. Dabei können wir im Kern oft gar nicht mehr sorgfältig arbeiten.

wortstark: Das ist absolut mein Credo! In meinen E-Mail-Seminaren, die inzwischen zunehmend von Firmen als sinnvoll erkannt und gebucht werden, rufe ich immer dazu auf, dass die Leute diesen Signalton ausschalten. Sie sollen ihre Arbeitsaufgaben in Ruhe zu Ende machen können, bevor sie sich schon wieder von den ständig eingehenden E-Mails ablenken lassen. Was sind Ihre Tipps?

Prof. Joachim Höflich: Zu E-Mails gebe ich den Rat: Behandle die E-Mail wie die Papierpost. Du gehst ja auch nicht alle fünf Minuten zum Briefkasten auf der Straße. Es reicht doch beim E-Mailen morgens, mittags und abends. Es gibt Studien, die eindeutig belegen, dass Leute durch Telefonanrufe und eingehende E-Mails im Schnitt alle acht Minuten aus ihrem Arbeitsprozess herausgerissen werden. Bis man wieder drin ist, vergeht ja nicht nur die Zeit für das eigentliche Telefonat oder die Beantwortung der E-Mail, sondern auch eine Rüstzeit. Das ist die Zeit, bis man wieder in die Thematik hereinkommt und die ist je nach Aufgabe erheblich. Das wird sträflich ignoriert.
Und generell gilt für die Reaktionszeiten die sogenannte „Reziprozitätsregel“: Demnach gehört zu jedem Medium eine gewisse Taktung, wie schnell die Reaktion zu erfolgen hat. Da darf eine E-Mail bis drei Tage brauchen, eine sms drei Stunden, außer bei Hotline-Mitarbeitern. Bei manchen neuen Medien kennen die Leute die Antwortregel nicht und meinen, sie müssten sofort reagieren. Da sollte das Unternehmen regelnd eingreifen, ich plädiere hier für eine Entschleunigung der E-Mail. Man braucht mehr Taktungen statt Blitzreaktionen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es wird zum Beispiel ausnahmsweise etwas anderes vereinbart, kurz vor einer Sitzung, wo noch schnell aktualisierte Unterlagen an alle ausgeteilt werden sollen. So etwas ist Bestandteil einer guten Organisations- und Kommunikationskultur, dass man diese Dinge explizit macht.

wortstark: Und dann festschreibt für alle Sitzungen, für alle Zeiten?

Prof. Joachim Höflich: Ein Grundmuster, ja, aber die Ausgestaltung muss je nach Firmenkultur und je nach Situation flexibel bleiben. Es kann ja mal einen Fall geben, wo jemand wirklich ein Handy während der Sitzung eingeschaltet haben muss.

wortstark: Okay. Gehen wir doch noch mal auf die Anfänge des Handies zurück: Vor 18 Jahren war es nur zum Telefonieren da. Heute bietet es eine Fülle weiterer Funktionen und ebenso viele Namen, zum Beispiel Palm, Handheld, Blackberry. Was ist was?

Prof. Joachim Höflich: Gute Frage. Die Namen sind teilweise Firmennamen wie beim Palm. Handheld oder PDA, private digital assistent, das sind Namen, die sich aus der Funktion ableiten. Wenn man es schick will, dann hat man heute ein Handy mit Internetzugang und sämtlichen Spielereien. Ein gutes Handy kann alles, was ein PC auch kann. Deshalb spreche ich in meinen Untersuchungen nicht vom Handy sondern von mobilen Medien, von „mobile media“. Die neuesten Geräte sind zunehmend auch noch auf die Vernetzungen ausgerichtet, durch Facebook und wie sie alle heißen.

wortstark: Wie viele Menschen sind denn das, die wirklich vom Handy aus im Internet surfen wollen? Ich selbst habe das Bedürfnis einfach nicht, bisher.

Prof. Joachim Höflich: Manche Leute müssen alles überall machen. Das wird sich in dem Moment stärker verbreiten, wo Flatrates kommen. Bald wird das zum Alltag gehören. Schauen Sie mal, wie viele Leute schon heute introvertiert in irgendwelche Gerätschaften reinglotzen, wenn sie unterwegs sind. Ob sie Filme anschauen, oder Spiele machen oder arbeiten, oder nur so tun, als ob sie arbeiten.

wortstark: (lacht) Genau! Das habe ich auch schon beobachtet!

Prof. Joachim Höflich: Da entstehe eine neue Form einer autistischen Gesellschaft, wo man einander nicht mehr wahrnimmt. Wir haben vor kurzem ein Experiment eines amerikanischen Soziologen wiederholt, der hatte einen Clown auf einem Einrad an Leuten vorbeifahren lassen, die gerade mobil telefonierten und an solchen, die nicht telefonierten. In der Tat haben wir in unserer Vorstudie hier in Deutschland ebenfalls festgestellt, dass von den Leuten am Telefon wesentlich weniger den Clown bemerkt hatten als von den Leuten, die nicht telefonierten. Und einradfahrende Clowns gibt es nun wirklich nicht viele.

wortstark: Wie signifikant war das denn? Können Sie Zahlen nennen?

Prof. Joachim Höflich: 18 oder 19 hatten das Handy benutzt und davon haben 13 den Clown nicht bemerkt. Damit haben wir die Tendenz der amerikanischen Studie bestätigt.

wortstark: Wenn noch nicht mal so ein Clown auffällt, um wie viel schwerer hat es dann der ganz normale Mitmensch, der vielleicht jemand nach dem Weg fragen will? Ich hatte den Fall neulich in der U-Bahn, dass ich niemanden ansprechen konnte, denn die waren alle „vollverkabelt“…

Prof. Joachim Höflich: Genau das wollten wir mit dem Clown-Experiment ausdrücken. Andererseits haben Menschen auch immer eine Stopp-Regel. Da bin ich vielleicht naiv oder einfach nur hoffnungsvoll: Wenn ich immer erreichbar bin, von Medien umkreist werde, von früh bis spät bedudelt werde, dann gibt es insofern noch einen Ausweg, so lange diese Dinger einen Knopf haben, wo ich ausschalten kann. So lange die Leute noch wissen, wo dieser Knopf ist und sich jeder von uns medienfreie Zonen schafft, ist ja die Welt noch in Ordnung. Und dann muss man noch dazusagen: Der Druck der ständigen Erreichbarkeit trifft ja auch nicht jeden. Manche Leute wären froh, wenn der Versuch unternommen würde, sie zu erreichen.

wortstark: Hm. In der Unternehmenskommunikation doch eher selten. Lassen Sie uns auf die offene Frage kommen: Wenn Ihnen aus Ihrem Kontext noch etwas einfällt, was hier nicht angesprochen wurde, aber Ihnen wichtig ist, dann finden Sie hier Raum dafür.

Prof. Joachim Höflich: Ja, ich möchte darauf aufmerksam machen, was passiert, wenn wir alle zunehmend „allways on“ sind. Wenn das „globale Dorf zusammenrückt“, wie McLuhan sagt. Es nimmt dann auch die Kontrolle zu. Jetzt ist zwar durch die FDP-Mitregierung die Vorratsdatenspeicherung erstmal zurückgestellt, aber natürlich hinterlassen wir alle chronisch Spuren. Und wenn Google durch die Straßen fährt und beiläufig die LAN-Verbindungen erfasst und beiläufig ein paar E-Mails abzapft, das sind schon Dinge, die sind nicht ganz lustig. Wir offenbaren uns damit vielfältig. Das ist aber auch nicht nur eine Frage des Datenschutzes sondern auch des ständigen Offenbarens: Wer mit seinem Partner stündlich im Alltag in Verbindung steht, braucht sich nicht zu wundern, wenn man sich am Wochenende nichts mehr zu sagen hat. Kein Medium hat nur gute oder nur schlechte Eigenschaften, sondern jedes Medium hat beides. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Das ist Medienkompetenz: Zu wissen, wann und wie wir das Medium einsetzen und auch, wann und wie ich mir Freiräume erhalte.

wortstark: Das ist doch ein schöner positiver Schluss-Satz… Vielen Dank für dieses hochinteressante Interview, Herr Professor Höflich!

Joachim R. HöflichProf. Joachim R. Höflich ist erreichbar über die Zentrale der Universität Erfurt,
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oder per E-Mail: joachim.hoeflich@uni-erfurt.de

Aktuelles Buch von Prof. J.R. Höflich (in englischer Sprache)

 

 

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