„Sweet up your life“? Wenn Anglizismen sauer aufstoßen

Liebe Leserinnen und Leser,

in einer abgelegenen Almhütte in Österreich bestelle ich mir den regional typischen Germknödel mit Vanillesauce und dazu einen Kräutertee. Das Heißgetränk wird serviert mit einem langen schmalen Papierbeutel mit Zucker. Darauf steht in großen Buchstaben: „Sweet up your life“. Gerade freute ich mich noch, so richtig zünftig in den Alpen unterwegs zu sein. Und jetzt macht mich sauer, was meinen Tee süßen soll.

Die Drogerie um die Ecke führt fast nur noch englisch benannte Produkte, von „Alldays“ über „Febreze“ bis hin zu „Pampers“ und „Swiffer“. Ich weiß nicht, was „Febreze“ oder „Swiffer“ bedeutet. Gleichzeitig frage ich mich, ob die Verkäuferin mit dem deutschen Wort „Schrubber“ noch etwas anzufangen wüsste?

Ein Messeausrichter wirbt für die kostenpflichtige Veranstaltung „discuss & discover – beyond bits and bytes“. Veranstaltungsform: „Social Events, Corporate Events, Public Forum, Conference, Internet“. Aha. Worum geht es? „Trends der Branche: Cloud Computing, Virtualisierung und Unified Communications“. Ich habe keine Ahnung, was ich von dieser eigenartigen Veranstaltung hätte – hauptsächlich bleiben mir Wolken im Kopf, die irgendwas mit Computern zu tun haben und mehr Bedeutung vernebeln als übermitteln.

Extrem: Ein Münchner Kino feierte im Dezember sein Jubiläum mit „After-Nikolaus und Pre-X-Mas zugleich“. Solche Beobachtungen stoßen mir schon länger sauer auf, siehe mein Vorwort von 2006.

Gestatten Sie mir die Frage: Wo leben wir eigentlich? Wie konnte es dazu kommen, dass wir alle freiwillig unsere deutsche Sprache mit englischen Begriffen vollpfropfen, mit verschiedensten Folgen, oft genug mit einem Verlust an Verständlichkeit? Mit „wir alle“ meine ich auch mich, selbst wenn ich vergleichsweise viel auf Deutsch formuliere, da gab ich mir einst mit der Wahl meines Firmennamens „wortstark“ bewusst die Richtung vor.

Dennoch: Warum nenne ich mein eigenes Medium nicht „wortstark Mitteilungen“ oder „Rundbrief“, sondern „Newsletter“? „Mitteilungen“ klingt von oben herab; allzu lange gab es Firmenzeitungen, die so hießen und in deren Tradition ich mich nicht einreihen möchte. Es zeigt sich, wie die Verwendungsgeschichte eines Begriffs mitschwingt. Und die „Rundbriefe“, die ich kenne, sind private Jahresrückblicke von Freunden, die sie zu Weihnachten an einen kleinen Kreis verschicken. Mit „Newsletter“ dagegen betone ich den Neuigkeitswert. Der Begriff wirkt zudem mehr fach- als personenbezogen und ich zeige dadurch drittens an, dass es einen größeren EmpfängerInnenkreis gibt. Bisher ist mir kein deutscher Ersatz eingefallen.
Allerdings kann ich wenigstens seit kurzem nachblättern, welche deutschen Worte es für eingedeutschte englische oder „denglische“ Begriffe gäbe: In mittlerweile achter Auflage liegt das „Wörterbuch überflüssiger Anglizismen“ vor, das übrigens von vielen humorvollen Hinweisen durchzogen ist, zum Beispiel: Gibt es in einem „Angel-Shop“ Engel oder Angeln? Mitherausgeber und vds-Mitglied Dr. Reiner Pogarell stellte sich freundlicherweise für das nachfolgende Interview zur Verfügung. Anschließend war ich ein noch überzeugteres Mitglied im Verein Deutscher Sprache e.V.

Wenn Sie dieses Interview gelesen haben, fühlen Sie sich dazu ermutigt, einfacher und klarer zu reden: Auf Deutsch. Dann kann es Frühling werden in diesem Land. Frohe Ostern!

Ihre Annette Hartmann

Überraschend historisch: Anglizismen in der deutschen Sprache

wortstark: Herr Dr. Pogarell – Sie leiten das Institut für Betriebslinguistik, ein Seminar- und Beratungsunternehmen mit angeschlossenem Verlag, welches sich 1988 aus einer Arbeitsgruppe der Universität Paderborn entwickelte. Wie kamen Sie zu diesem Forschungs- beziehungsweise Geschäftsfeld der Sprache von Unternehmen? Gab es hierfür ein Schlüsselerlebnis?

Dr. Reiner Pogarell: Ein Schlüsselerlebnis gab es nicht, aber folgenden Hintergrund: Ich habe eine Ausbildung als Großhandelskaufmann und kam anschließend zur Linguistik. Zu der Zeit waren Linguisten arbeitslos oder fuhren Taxi. Aber ich dachte mir: Wenn ich das alles als Großhandelskaufmann  gewusst hätte, wäre ich früher erfolgreicher gewesen.…

wortstark: Was haben Sie denn vermisst, als Sie später gesehen haben, was Sie verpasst hatten?

Dr. Reiner Pogarell: Die Texte, die wir damals geschrieben haben, waren nackt, blass, leblos. Wir hatten gelernt, auf Adjektive zu verzichten und Füllwörter wie „gerne“, „schnell“ und „dann“ wegzulassen. Dabei gibt es gar keine Füllwörter. Da fehlte so viel Kraft und Schönheit der Sprache.

wortstark: Also ob es keine Füllwörter gibt oder nicht, da würde ich mich doch gern auf eine Diskussion mit Ihnen einlassen (lacht) Die Dosis macht doch das Gift, oder? Wenn ich zu viele „dann“ und „eigentlich“ einbaue, ist doch der Text irgendwann auch mal erledigt, oder?

Dr. Reiner Pogarell: Es ist aber falsch, sie deshalb aus der Sprache komplett verbannen zu wollen. Wenn ich zum Beispiel sage „Eigentlich würde ich Ihnen das hier empfehlen, aber ich tue es nicht, weil ich einen besseren Vorschlag habe“, dann habe ich das Wort sinnvoll eingesetzt.

wortstark: In dem Beispiel ist es aber auch kein Füllwort, sondern eine Art Bedingung?

Dr. Reiner Pogarell: Eben. Es hat durchaus einen Sinn. Ich merke auch immer ganz genau, wenn Leute auf Schreibseminaren waren. Dann kommen sie meistens mit lauter Verboten im Kopf zurück. Sie sagen: „Jetzt darf ich nicht mehr Preiserhöhung sagen, nur noch Preisanpassung.“ Aber bei „Preissenkung“ müssen sie weiter von der Senkung sprechen. Und „Probleme „gibt es natürlich auch nicht mehr, nur noch „Herausforderungen“.

wortstark: Da spielt ein gutes Stück Sprachpsychologie hinein, die ich hilfreich finde. Allerdings fände ich „Verbote“ zu stark, ich bringe in meinen Seminaren die positive Sprache auch ins Bewusstsein, versuche aber, der jeweiligen Empfindung ebenfalls gerecht zu werden. – Doch zurück zu unserem Thema: Wie kommt es, dass wir Deutsche so gerne und häufig das Englische in unsere Sprache hineinbringen?

Dr. Reiner Pogarell: Das ist ganz einfach zu erklären: Das entsteht aus dem Wunsch, sich aus diesem Stück Geschichte von 1933 – 1945 herauszustehlen, sich davon zu distanzieren.

wortstark: Ach, das lässt sich so einfach zurückführen? Aha. Und warum ausgerechnet Englisch? Es gibt ja noch mehr Sprachen?

Dr. Reiner Pogarell: In der Zeit nach 1945 ging es darum, dass die Deutschen nun mal den Krieg verloren hatten und die Amerikaner hatten ihn gewonnen. Wer nun Englisch sprach, sprach die Sprache des Siegers, das war ein Prädikat, mit dem man sich schmücken konnte.

wortstark: Aber die Russen und die Franzosen hatten den Krieg doch auch gewonnen. Das waren doch auch Sieger?

Dr. Reiner Pogarell: Es ging nicht nur um die Sprache an sich, sondern auch um die dahinter stehende Kultur, von der sich die Deutschen im Nachkriegsdeutschland mehr oder weniger angezogen fühlten. Und die Amerikaner, die hier ankamen, kamen aus einem freien demokratischen Land mit vergleichsweise hohem Wohlstand. Die waren nett zu den Menschen und verschenkten Kaugummi. Die gingen als erste in der internationalen Staatengemeinschaft wieder auf die verachteten Deutschen zu.

wortstark: Das finde ich interessant, diesen ganzen Zusammenhang…

Dr. Reiner Pogarell: Ja. Es gab hier mehrere Phasen der Entwicklung. Die erste Generation nach dem Krieg hatte gar keine andere Chance, als sich zu distanzieren. Ich bin zum Beispiel Jahrgang 1951, und wenn wir als junge Leute auf Reisen gingen in Europa, dann haben wir uns als Schweden ausgegeben und Englisch gesprochen. Das ist zwar auch meistens aufgeflogen, aber wir haben es versucht. Als Deutscher musste man sich ständig entschuldigen, man hatte den Wunsch, aus dieser Daueranschuldigung auszusteigen.

wortstark: Aber jetzt komme ich noch mal auf das Französische zurück. Das hat es doch auch schon gegeben in der Geschichte, dass die Deutschen viel Französisch annahmen, also jedenfalls die Bayern? Während der napoleonischen Kriege, wenn ich nicht irre, da ging´s gemeinsam mit den Franzosen gegen die Preußen. Aus der Zeit gibt es im Bayerischen viele französische Begriffe?

Dr. Reiner Pogarell: Nicht nur zu dieser Zeit. Französisch war schon lange vorher die Sprache des Adels. Aber damit war Französisch eben auch nie eine Sprache, die über alle Schichten hinweg gesprochen wurde. Das gemeine Volk blieb davon unberührt und hat eher den jeweiligen Dialekt gesprochen. Und als dann die deutschen Dichter und Denker ihre Werke auf Deutsch verfassten, um damit ihre demokratischen Tendenzen auszudrücken, für das Volk, nahm dieses dann auch diese Kultursprache an. Das konnten die Adeligen irgendwann nicht mehr ignorieren und sprachen auch wieder Deutsch. Es gibt aber auch heute noch Gebiete, wie zum Beispiel die Pfalz oder Hamburg, in denen die französische Besatzungsmacht relativ beliebt war und viele französische Worte übernommen wurden. Es gab ja große Teile Deutschlands, die waren lange Zeit in dänischer oder schwedischer Hand. Altona, der heutige Hamburger Stadtteil, war früher die zweitwichtigste Stadt Dänemarks, das ganze Umland klingt noch dänisch. Und Wismar war lange Jahre schwedisch.

wortstark: So was liegt doch auch nahe, ich meine, geographisch…

Dr. Reiner Pogarell: Das spielt zwar eine Rolle, aber die Nachbarschaft alleine ist es nicht. Warum haben wir keine niederländischen Worte in unserer Sprache? Oder tschechische? Das einzige, was es aus dem Tschechischen bei uns gibt, ist die „Fettbemme“, das „Butterbrot“. Und „böhmische Dörfer“… (lacht)

Wörterbuch überflüssiger Anglizismenwortstark: (lacht) Au weia, das sagt einiges aus! Oh je…  Lassen Sie uns nun lieber zu Ihrem Buch kommen, dem „Wörterbuches überflüssiger Anglizismen“, bei dem Sie Mitherausgeber sind und welches in der nunmehr achten Ausgabe vorliegt. Wie und warum haben Sie und Ihre zwei Kollegen diese Sammlung eigentlich erstellt?

Dr. Reiner Pogarell: 1999 ist das Buch erstmals als Buch erschienen, aber da hatten wir einige Jahre vorher schon mal Listen angefangen, wenn Leute Anglizismen gebrauchten und behaupteten, es gäbe kein deutsches Wort dafür. Wir haben solche Fälle samt der deutschen Wendung aufgeschrieben. Und damit wir nicht jedes Mal wieder neu anfangen mussten, zu diskutieren, machten wir schließlich Listen daraus, die einfach nur zusammengetackert waren und später das erste Buch, mit 3.500 Wörtern.

wortstark: Wie kam das Buch bei seinem Erscheinen an?

Dr. Reiner Pogarell: Das wurde ein ungeheuer Erfolg! Die Bildzeitung hatte mit einem kleinen Beitrag darüber berichtet. Und ich ahnte ja nicht, was das für eine Wirkung in Deutschland hat, wenn etwas in der Bildzeitung auftaucht. Wir haben tagelang nur noch Bücher verpackt. Und es führte zu 70 oder 80 Besprechungen in anderen Medien. Jetzt haben wie die achte Auflage, wobei ich nur von Neuauflage spreche, wenn mindestens 25% des Inhalts verändert wurde. Insgesamt sind rund 25.000 Stück gedruckt worden. Wichtig ist aber auch, dass wir einen großen Unterstützerkreis dadurch gewonnen haben, ungefähr hundert ehrenamtliche Zuträger, die Begriffe sammeln und uns samt Übersetzung zuleiten. Das ist eine richtige kleine Bürgerinitiative.

wortstark: Lustig! Ich habe mir vor einiger Zeit auch eine Liste angelegt, weil ich einfach etwas tun wollte, da kamen auch die Beispiele von meinem Vorwort her. 

Dr. Reiner Pogarell: Gut! Ihre Fundstücke können Sie übrigens auch digital in den Index des Vereins Deutsche Sprache eintragen.

Da hängt eine große Arbeitsgruppe dran, auch mit einigen Professoren, die dann jeden Begriff durchdiskutieren. Das Problem an der Sache ist, wenn Einzelpersonen 30 oder 50 Anglizismen ohne Belege einschicken, und dann weiß keiner, wo die herkommen.

wortstark: Belege meint die Quelle, also Fundquelle?

Dr. Reiner Pogarell: Ja. Oft ist es dann unmöglich, herauszufinden, worum es geht, also um welchen Gegenstand? Wir brauchen ja den Kontext.

wortstark: Ja, vor allem bei Produktnamen. Ich weiß übrigens bis heute nicht, was eigentlich so ein „Swiffer“ ist. Da bräuchte es mal eine Produktvorführung, weil mir das Wort allein eben nichts sagt.

Dr. Reiner Pogarell: Das ist eine verheerende Entwicklung in der deutschen Industrie, sich durch fremdsprachige Produktnamen Vorteile zu verspielen. Mein Musterbeispiel hierfür ist der Airbag. Diese Technik ist in Deutschland unter dem Namen „Prallkissen“ entwickelt worden. Als sie serienreif war, wurde das Produkt in „Airbag“ umgetauft. Wenn Sie heute herumfragen, wer den Airbag erfunden hat, sagt jeder „die Amerikaner“. Keiner kommt auf die Deutschen. Auf der anderen Seite können Sie im Ausland recherchieren und feststellen: Die Leute kaufen gern deutsche Produkte, sie kaufen gerne Artikel mit Namen, die deutsch klingen. Das hat etwas mit Qualität zu tun, die Käufer glauben nicht zu unrecht an eine bessere Qualität, eine längere Haltbarkeit. Gibt man aber einer Ware einen englischsprachigen Namen, erscheint sie als Billigprodukt aus China oder Hongkong.

wortstark: Hm. Das kann ja fürs Ausland sein. Aber ich habe das Gefühl, dass die Deutschen lieber das englischsprachige Produkt kaufen, weil sie sich dann irgendwie… vielleicht moderner fühlen?

Dr. Reiner Pogarell: Ja, das gibt es schon noch. Aber hier ist eine Wende eingetreten, besonders  im Zeitraum zwischen 2000 und 2004. Das weiß ich zufällig so genau, weil ich selbst in dieser Zeit eine vergleichende Studie gemacht habe. Und die hat das bestätigt, was viele andere Studien auch bewiesen haben: Englische oder denglische Werbung ist kontraproduktiv, deutschsprachige ist deutlich erfolgreicher. Das gilt besonders für hochpreisige Waren und Dienstleistungen. Im Jahr 2000 gaben viele große Firmen ihren Geschäftsbereichen englische Namen, z.B. gab es „RWE net“, heute heißt es wieder „Netz“. Die Telekom, die in Sachen Denglisch unbelehrbar war, verlor innerhalb weniger Jahre neunzig Prozent ihres Aktienwertes. Bei Bertelsmann sorgte Middelhof für möglichst viel Englisch, bei der Deutschen Bahn Mehdorn, bei der Post stellte Zumwinkel sämtliche Dienstleistungen auf englische Bezeichnungen um und versuchte sogar, die erste englische Briefmarke auf den deutschen Markt zu bringen, womit er allerdings kläglich scheiterte. Diese denglischtümelnden Unternehmensleiter sind alle kläglich gescheitert, und das hat nun auch deren Vokabular unbeliebt gemacht. Englische Namen haben sich nur bei Billigprodukten halten können. Nachzulesen sind übrigens einige dieser Studien beim Institut für Wirtschaft und Sozialstatistik in Dortmund.
Wenn Leute nicht gut Englisch können, dann ist es ihnen vielleicht egal, ob sie zu einem Friseur gehen, der „hairkiller“ heißt. Wer sich dort die Haare schneiden lässt, hat gar kein Gespür für Sprache. Die Fast-Food-Kette Burger King hatte mal den neuen Slogan: „Make it your way“. 55% der Befragten sagte, ihnen gefällt der Slogan, was schon mal vergleichsweise wenig ist. Aber nur 24% konnten ihn richtig übersetzen. Sehr viele Leute können im Grunde weder richtig Englisch noch richtig Deutsch. Bei denen hängt dann vielleicht am Englischen diese Sehnsucht „Ich war noch niemals in New York“…  Es gibt aber auch einige namhafte deutsche Firmen, die nie so weit auf das Englische hereingefallen sind, zum Beispiel Volkswagen oder Porsche.

wortstark: Porsche lasse ich gelten, da habe ich ja auch schon direkt zu diesem Thema mit deren Unternehmenskommunikation gesprochen. Aber bei VW fällt mir der „Beetle“ ein, der ehemalige VW Käfer, der von dem wunderbaren Werbespruch „er rollt und rollt und rollt“ begleitet war. Die sind doch mit dem Beetle nie an das gute Image vom Käfer herangekommen und das führe ich sehr wohl auch auf den Namen zurück.

Dr. Reiner Pogarell: Ja klar. Aber Volkswagen war auch mit diesem englischsprachigen Produkt immer noch harmloser als andere deutsche Firmen, die gleich auf Englisch als Arbeitssprache umstellten.

wortstark: Siemens zum Beispiel. Die machen das auch im Bildungsbereich. Vor eineinhalb Jahren wurde ich gefragt, ob ich denn auch alle meine Seminare auf Englisch anbieten kann. Und ich war extra ein Jahr im englischen Redeclub und bin zum Sprachurlaub nach Australien gefahren. Bis heute hat aber niemand irgendwas auf Englisch gebucht!

Dr. Reiner Pogarell: Das ist genau auch unsere Erfahrung! Wir hatten zum Beispiel auch unsere Internetpräsenz auf Englisch. Das interessierte nur leider keinen Menschen, obwohl wir auch Umsatz im Ausland machen.
Eine andere Beobachtung: Da treffen sich 30 Leute bei einer Konferenz, die natürlich „Meeting“ heißt, Arbeitssprache Englisch. Was passiert? Drei Leute reden, und der Rest schweigt. Die haben nämlich Angst, katastrophales Englisch abzugeben und das sind oft genau die drei Ingenieure, die eigentlich Ahnung von der Sache hätten. Danach folgt das ganze Berichtswesen, was auch auf Englisch sein soll, bei Siemens aber Gott sei dank auch nicht immer ist. Das ist auch gut so, denn sonst ginge es ihnen vielleicht so wie Walmart, die darauf bestanden haben, dass auch in Deutschland das ganze Berichtswesen auf Englisch läuft. Und da die Filialleiter nicht wussten, wie sie sich auf Englisch ausdrücken sollen, haben sie nichts berichtet. Diese Erfahrung hat nicht nur Walmart machen müssen. Selbst wenn jemand wirklich gut Englisch kann, kann er sich meistens nur in einem bestimmten Fachgebiet einigermaßen ausdrücken und wird ansonsten die Fremdsprache vermeiden, wo immer es geht. Bei Siemens ist Englisch nur eine Scheinsprache.

wortstark: Hm. Ein neuer Begriff für ein neues Phänomen… ?

Dr. Reiner Pogarell: Auch wenn das Englische dann intern nicht genutzt wird, wird viel Geld verpulvert, um die ganzen Informationen auf Englisch zu verbreiten und was passiert dann? Keiner will sich anstrengen und durch einen englischen Text quälen, also liest man es eben einfach nicht.

wortstark: Kann ich für mich selbst ehrlicherweise bestätigen: Zu einem englischen Text muss ich mich auch meistens erstmal überwinden. Lassen Sie uns doch bitte noch mal auf Ihr Wörterbuch zurückkommen. Mich interessiert, ob es im Laufe der Neuauflagen Änderungen gab und wenn ja, welche?

Dr. Reiner Pogarell: Wir haben bei jeder Neuauflage mindestens zwanzig Prozent der Wörter ausgewechselt. Es gab zwei Gründe: Einmal sind viele Wörter gleich wieder verschwunden.  Zum Beispiel die verrückten Sachen von der Telekom wie „German Call“, „Regio Call“ und so weiter. Oder „Easy living“, so hieß einmal die Kundenzeitung von RWE. Heute heißt die wieder „RWE-Magazin“.

wortstark: Und der zweite Grund für das Austauschen?

Dr. Reiner Pogarell: Wir mussten einsehen, dass die meisten Leser das Vorwort nicht lesen. Das ist ein Riesenproblem. Wir wollten mit dem Wörterbuch darauf hinweisen, wie die Dinge lauten könnten, wenn wir sie auf Deutsch ausdrückten. Man kann das deutsche Wort verwenden, aber man muss nicht. Beispiel: „Boxen“  heißt auf Deutsch „Faustkampf“. Oder für Pullover lasen sie „Überzieher“. Dann haben die Leute leider nur diese manchmal ungewöhnliche Übersetzung gelesen und waren abgeschreckt, weil sie sagten: „So spricht doch kein Mensch“. Inzwischen haben wir solche Wörter herausgenommen und arbeiten in vergleichbaren Fällen mehr mit Kommentaren.

wortstark: Ich habe auch erstmal den Wörterbuchteil gelesen, und war nachdenklich, weil mir manche deutsche Alternative ziemlich fremd vorkam…

Dr. Reiner Pogarell: Ja. Aber wir wollten von Anfang an keinen Kampf gegen eingeführte sinnvolle  englische Begriffe führen. Wogegen ich kämpfe, ist vielmehr, dass Ketten wie MacDonalds oder Olivers ihren Kunden englische Begriffe brutal aufnötigen. Zum Beispiel die Mengenangaben. Wenn ich zu einer Burgerkette gehe, bestelle ich ganz bewusst die deutsche Mengenangabe, also einen „großen“ Kaffee. Meist schaut die Verkäuferin einen Moment verdutzt und lacht ein bisschen. Aber ich werde verstanden.  

wortstark: Bei vielen Worten erscheint es mir aber auch umgekehrt besser, weil sie eben doch auf Englisch am besten verstanden werden, wie zum Beispiel „Internet“. Hierfür hat sich die Bezeichnung „Weltnetz“ wahrscheinlich kaum durchsetzen lassen, oder? Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Dr. Reiner Pogarell: Das sehe ich einbisschen kritischer. Natürlich ist jedes neue Wort erst einmal unverständlicher als ein altes. Vom „Internet“ mag ich mich auch nicht richtig trennen, ich finde das Wort angenehm. Aber bei dem Wort Weltnetz habe ich immer wieder erlebt, dass das gern als nützliches Synonym benutzt wird. Man kann so vermeiden, dass in einem Text immer wieder Internet, Internet, Internet geschrieben werden muss.

wortstark:  Verstehe. Nächstes Beispiel: „Dip“ klingt für meine Ohren deutlich appetitlicher als „Tunke“… Das klingt einfach ekelig, so wie „unken“, ich denke da an einen tiefen kalten Brunnen oder so etwas…

Dr. Reiner Pogarell: (lacht) Ich bin mit einer Spur schlesischen Dialekts aufgewachsen und da ist „Tunke“ sehr, sehr positiv besetzt. Wenn man allerdings für ein Wort überhaupt keine wirkliche Übersetzung dafür hat, ist man auf die einzelnen Laute und damit auf die Psychophonetik angewiesen.

wortstark: Was ist das denn? Finden alle Menschen bestimmte Laute ekelig oder appetitlich?

Dr. Reiner Pogarell: Das ist ein Bereich der Linguistik, der sich ab 1960 totgerannt hat, die sind einfach nicht weitergekommen. Aber für einen Einblick gebe ich Ihnen eine Aufgabe: Malen Sie frei auf einem Zettel vor sich hin zuerst eine Form aus ganz vielen Rundungen. Haben Sie das? Und dann noch eine zweite Form  mit ganz vielen Ecken und Zacken. Und jetzt verteilen Sie zwei Namen auf diese Formen und zwar „Maluma“ und „Takete“. Welche Form benennen Sie wie?

wortstark: „Maluma“ ist die runde. Ganz klar.

Dr. Reiner Pogarell: Genau. Das würden auch andere Menschen aus anderen Kulturen so entscheiden. Aber die Psychophonetik konnte nicht begründen, warum das so ist. Oder ein anderes Beispiel, falls Sie kein Kishuaheli können: Was ist „Tumba“?

wortstark: Ich kann kein Kishuaheli. Also Tumba klingt wie irgendwas Nettes. Vielleicht ein Lebensmittel? In Nepal habe ich mal ein vergorenes Heißgetränk kennen gelernt, das hieß auch so.

Dr. Reiner Pogarell: Das lenkt Sie jetzt ab. Wenn Sie aber weiterraten würden und insgesamt zwanzig Wörter sagten, dann ist garantiert eines davon richtig. Das Wort hat drei Bedeutungen, und zwar „großer Topf“, „Trommel“ und „schwanger sein“. Aus irgendwelchen Gründen kommen die Leute darauf, auch wenn sie kein Kishuaheli können. 

wortstark: Lustig! - Was mir jetzt gerade einfällt: Warum gefallen eigentlich manche Dialekte vielen Menschen gut und manche Dialekte sind unbeliebt? Ich kenne zum Beispiel viele, die ganz von innen heraus das Bayerische mögen, aber das Sächsische ablehnen? Woran liegt das?

Dr. Reiner Pogarell: Sächsisch ist deshalb unbeliebter, weil es die Sprache der DDR war. Der Saarländer Erich Honecker sprach ja bewusst so eine Art Sächsisch. Lassen Sie Sachsen mal länger ein Bestandteil der modernen Bundesrepublik Deutschlands sein, dann gibt sich das. Ich selbst kann zum Beispiel Hessisch nicht so gut leiden, habe aber gute Freunde in Dresden. Die Beliebtheit der Dialekte hat also auch mit persönlichen Vorlieben zu tun.

wortstark: Der Verein Deutsche Sprache hat ja unter den deutschen Unternehmen eine Wende zurück zur Muttersprache festgestellt. Mir ist aber trotzdem ein aktuelles Beispiel in die Hände gefallen, wo die Deutsche Bahn wegen einer missverstandenen „Kiss & Ride-Zone“ am Straubinger Bahnhof einigen Ärger hatte. Die Kurzparkzone wurde mit Angeboten aus dem Rotlichtbereich verwechselt. (Artikel „Call a Mietrad“ vom 16.02.10 in der Süddeutschen Zeitung). Gab es also doch keinen Beschluss von oben oder wie erklären Sie sich so einen Vorfall?

Dr. Reiner Pogarell: Ich weiß nicht, ob es einen Beschluss dazu gab. Aber selbst wenn: In so einem großen Konzern geht es einfach so zu, dass sich der eine danach richtet und der andere eben nicht.

wortstark: Okay, kommen wir zur Abschlussfrage: Wenn Ihnen aus Ihrem Kontext noch etwas einfällt, was hier nicht angesprochen wurde, aber Ihnen wichtig ist, dann finden Sie hier Raum dafür.

Dr. Reiner Pogarell: Ich kann nur noch mal sagen, dass nach meiner Erfahrung jeder Ausländer bereit ist, uns Deutsche zu akzeptieren, mit unserer Sprache und auch mit unserer Vergangenheit. Stehen wir zu unserer Kultur, bekommen wir weltweiten Respekt. Wir ernten aber weltweite Verachtung, wenn wir nicht zu unserem wichtigsten Kulturgut, unserer schönen Sprache stehen.

wortstark: Haben Sie nicht ein bisschen Angst, dass der Vorwurf der Deutschtümelei kommt und ein Verdacht, in die braune Szene zu driften?

Dr. Reiner Pogarell: Die Endung „-tümelei“ klingt schon mal von vorneherein schlecht, Sie könnten auch „Englischtümelei“ sagen oder „Bayerischtümelei“. Nein, das ist eine rein deutsche Angst. Man möchte natürlich alles sein, bloß kein Nazi. Aber wir werden, wenn wir Englisch sprechen, trotzdem keine Engländer oder Amerikaner, wir bleiben Deutsche.
Eine Geschichte hierzu: Ich war während der letzten Fußballweltmeisterschaft fast nur im Ausland. Die Dänen haben jeden Deutschen erleichtert begrüßt, der mit der Deutschlandfahne bei ihnen herumfuhr, weil sie gesagt haben: „Endlich werden die Deutschen normal“. Man erwartet das von jedem anderen Volk. Die gleiche Sympathie gegenüber dieser Bekundung habe ich in der Schweiz, in Portugal, Frankreich und Spanien erfahren. Die Gefahr ist viel größer, wenn Deutsche durch ihr komisches Verhalten als Schleimer und Duckmäuser betrachtet werden. Die Deutschen waren in ihrer langen Vergangenheit nur kurze Zeit Nazis, unsere Kultur ist zweitausend Jahre alt, die dürfen wir nicht auf zwölf Jahre reduzieren.

wortstark: Das ist doch ein schönes Schlusswort: Was sind zwölf Jahre gegenüber zweitausend… Vielen Dank für das hochinteressante Gespräch.

Dr. Reiner PogarellSie erreichen Dr. Reiner Pogarell
unter Tel. 05251 – 31 06 06
oder E-Post: info@betriebslinguistik.de
Website: www.betriebslinguistik.de
Website des Vereins Deutsche Sprache: www.vds-ev.de



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