Jenseits von Schall und Rauch

Liebe Leserinnen und Leser,

kürzlich besuchte ich ein Seminar über die Kraft der Sprache. Dort sollte sich jede Person mit dem Vornamen vorstellen, erklären, warum er oder sie so heißt, wie man oder frau gerne angesprochen wird – zum Beispiel mit oder ohne Abkürzung - und inwieweit man oder frau den Vornamen mag. Von zehn TeilnehmerInnen waren zwei innerlich so stark bewegt, dass sie direkt nach dieser Vorstellungsrunde mit Tränen in den Augen und einem Zittern in der Stimme das Seminar verließen. Da wurde mir bewusst, wie viel die Namen mit unserer Identität und mit der Familie zu tun haben. Überhaupt: Wie wichtig Namen sind.

In dieser Übung ging es um Vornamen, die noch einigermaßen beinflußbar sind, zum Beispiel über Kurz- und Koseformen. Aber was ist mit unseren Nachnamen? Da gibt es keine Auswahl und aus rechtlichen Gründen so gut wie keine Veränderungsmöglichkeiten. Gerade am Anfang von Beziehungen, im Geschäftsleben, in der Unternehmenskommunikation, sind die Nachnamen wesentlich. Und nicht nur, dass wir auf den ersten Blick nichts dran ändern können, oft sind uns die Nachnamen völlig unverständlich. Wir laufen also ein Leben lang mit einem Rätsel herum, schreiben es täglich mehrmals auf Papier, drucken es auf unsere Visitenkarten, buchstabieren es am Telefon, kleben es an unseren Briefkasten. Manche Namen sind schwer erklärbar. Schwer merkbar. Schwer zu buchstabieren. Und wenn es ganz schlimm kommt, tragen wir einen peinlichen Namen – wie ein Joch. Lebenslänglich. Andere heißen „Prinz“ oder „Sonnentag“ – Glück gehabt, außer, sie sind Frauen und heiraten. Was muss es für ein Gefühl sein, nach der Hochzeit den Namen „Prinz“ gegen „Müller“ zu tauschen? Wer als „Müllersfrau“ einen „Prinzenmann“ ehelicht, kann sich natürlich namensmäßig steigern. Männer hingegen bleiben bis auf seltene Ausnahmen ihr Leben lang, was sie sind. Aber wer oder was „sind“ sie denn? Und sind wir so, wie wir heißen? Ich heiße seit vier Jahrzehnten „Hartmann“ und fühle mich selten „hart“, geschweige denn als „Mann“. Trotzdem werde ich aufmerksam den Kopf recken, wenn jemand „Hartmann“ ruft. Für mich wurde es Zeit, diesem Namensrätsel näherzukommen.

Der vorliegende Newsletter taucht ein in die Namensforschung und ich bin stolz darauf, hierfür Deutschland bekanntesten Namensforscher als Interviewpartner gewonnen zu haben: Prof. Dr. Jürgen Udolph von der Universität Leipzig. Manche von Ihnen haben ihn vielleicht diesen Sommer bei Johannes B. Kerner gesehen oder im Radio gehört. Auch sein Buch ist ein heißer Tipp (Daten finden Sie im Interview), ich sage dies nach eigener Leseerfahrung.

Die Namensforschung boomt. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns alle in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint, auf die innere Achse besinnen wollen, an etwas Bleibendem festhalten möchten, etwas Traditionellem. Wir suchen nach unseren Wurzeln, schauen nach, wo wir mit der Erde verbunden sind. „Back to the roots“ ist gleichzeitig ein wunderschönes Weihnachtsthema. Nicht nur, dass viele unserer Namen aus dem religiösen Bereich stammen, auch der Drang nach Familie, Besinnung und Ruhe … das ist doch Weihnachten, dieser Fixpunkt im Jahr, auch im Geschäftsjahr. Oder?

Ich wünsche Ihnen diese Ruhe und Besinnung im Kreise Ihrer Verwandten und Vorfahren. Möge Ihnen der letzte wortstark-Newsletter des Jahres 2006 Impulse hierzu geben.

Ihre Dr. Annette Hartmann

„Fossilien neu belebt: Namen und ihre Herkunft“

wortstark: Herr Professor Udolph, Sie bekleiden Deutschlands einzigen Lehrstuhl für Namensforschung -„Onomastik“- und arbeiten an der Uni Leipzig. Wie fanden Sie zu diesem seltenen Tätigkeitsgebiet? Gab es hierfür ein Schlüsselerlebnis?

Jürgen Udolph: Ich habe mich schon früh für Sprachwissenschaft interessiert und hier vor allem für die historische Entwicklung der Sprachen. Ich studierte Slawistik und wollte darin auch Examen machen. Doch dann verließ meine Professorin den Lehrstuhl und ich blieb hängen bei dem damaligen Ordinarius für historische und allgemeine Sprachwissenschaft, Prof. Wolfgang P. Schmid, der eine große Rolle gespielt hat auch in der Indogermanistik. An den Tag erinnere ich mich noch genau: Es war der 20. Januar 1970, ein Freitag.

wortstark: Jetzt machen Sie es aber spannend…

Jürgen Udolph: Ja, ich stand da so und dann fragte Schmid, „was wollen Sie eigentlich machen, Herr Udolph“? Und ich sagte, „keine Ahnung“. Aber ich wusste, ich wollte irgendwas mit Material machen, das Theoretische liegt mir nicht so. Und dann sagte er: „Schreiben Sie über slawische Flussnamen“. Das war sein ganz konkreter Vorschlag und ein Super-Tipp: Flussnamen sind die ältesten Namen überhaupt, die wir kennen. „Isar“ und so weiter, diese Namen sind uralt. Die stammen aus einer Zeit, wo wir noch keine indogermanischen Einzelsprachen hatten, also germanisch oder keltisch, und damit reden wir von einer Zeit, die weit vor Christi Geburt gelegen hat. Nach zwei, drei Tagen hatte es mich gepackt und ich fing an, wie ein Idiot zu sammeln – anders kann ich´s nicht ausdrücken.

wortstark: Was haben Sie gesammelt?

Jürgen Udolph: Ich habe alles auf Zetteln gesammelt, was ich über slawische Fluss-, Orts- und Flurnamen geschrieben fand und brachte das in großen Karteikästen unter. Einen PC hatte ich damals noch nicht, der stand wohl auch noch in den Kinderschuhen. Das wurden dann irgendwann eine dreiviertel Millionen Zettel und der Grundstoff für meine Dissertation. Meine Arbeit hatte den Untertitel „Ein Beitrag zur Frage nach der Urheimat der Slawen“. Denn jetzt kommt der entscheidende Punkt: Man kann über die Gewässernamen herausfinden, welches Volk wo und wann gelebt hat. Das gilt nicht nur für die Slawen, sondern zum Beispiel auch für die Germanen. Die übliche Meinung, dass die Germanen aus dem Norden kommen, ist die Verquickung von archäologischen Theorien mit denen der nordischen Rassentheorie der Nazis, die auf der Basis der Namensforschung abzulehnen ist.

wortstark: Ach – und woher kommen sie dann?

Jürgen Udolph: Die ältesten germanischen Wurzeln aus sprachlicher Sicht finden sich in Ortsnamen im fruchtbaren Gürtel der Hildesheimer und Magdeburger Börde, Soest, also im nördlichen Mitteldeutschland.

wortstark: Und wie kamen Sie dann von dieser Perspektive auf die Familiennamen? Welche Rolle spielte dabei Ihr eigener Nachname, der mir auch eher wenig verbreitet erscheint?

Jürgen Udolph: Für meinen eigenen Namen oder für Familiennamen interessierte ich mich zunächst überhaupt nicht. Aber als ich in Göttingen am Archiv für Gewässernamen Deutschlands arbeitete, unterrichtete ich auch im Sprachwissenschaftlichen Seminar. Und da kam mir eines Tages die Idee, mal die niedersächsischen Ortsnamen zu untersuchen, möglichst einen Kreis in einem Semester. Ein Beispiel war Hameln – Pyrmont. Aus diesem Gebiet gibt es einige spannende Ortsnamenübertragungen, denn im 14. und 15. Jahrhundert sind etwa 1,5 Millionen Menschen aus den Gebieten westlich von Elbe und Saale nach Osten gegangen. Die haben bei der Wanderung z.T. ihre Ortsnamen mitgenommen. Das ist das Phänomen, was wir vom Rattenfänger von Hameln kennen, also die jungen Leute verschwinden irgendwo. Aber dadurch, dass sie ihre Ortsnamen mitgenommen haben – es gibt ja auch aktuellere Beispiele dafür, in den USA finden wir 50 bis 60 „Hamburg“ und „Berlin“, weil die Auswanderer ihre neue Heimat so genannt haben wir ihre alte – dadurch wissen wir, wo sie herkamen. Darüber habe ich einen Aufsatz geschrieben: „Die Rattenfängersage aus sprachkundlicher Sicht“. Das hat 1997 ein dpa-Korrespondent entdeckt und ab der Zeit ging es bei mir immer mehr um Familiennamen.

wortstark: Danke, das war inhaltlich schön reichhaltig. Mir fehlen aber noch zwei Antworten: Wie kamen Sie persönlich zum Slawischen und welche Rolle spielte Ihr eigener Name?

Jürgen Udolph: Zum Slawischen kam ich, weil meine Eltern aus Schlesien kamen und die Schwiegereltern auch. Die können sogar noch perfekt Polnisch. Das hat mein Interesse geweckt. Und in der Schule gab es im Wahlunterricht Russisch, das hat mir Spaß gemacht. Ansonsten war ich ein ziemlich schwacher Schüler.

wortstark: Und „Udolph“? Kommt nicht zufällig aus dem Osten?

Jürgen Udolph: Nein, der Name ist wunderbar germanisch, obwohl wir ja aus dem Osten kommen, aber das war deutsche Zuwanderung, die im Zuge der Ostsiedlung irgendwann einmal aus westlicheren Gebieten gekommen sein müssen. So wie viele Namen setzt er sich aus zwei Teilen zusammen, wie auch „Hart-mann“, „Fried-helm“ und so weiter. Im ersten Teil, dem „ud“ aus älterem „od“ steckt „Besitz“, so ähnlich wie bei „Kleinod“ das „od“. Und im zweiten Teil steckt der Wolf, so wie bei „Ad-olf“, Rud-olf“ – das „w“ wurde oft getilgt und dann bleibt „olf“ übrig.

In Namen sind oft Wörter enthalten, die tot sind, wie hier dieses „od“. Aber die Namen bewahren sie noch, wie Fossilien. Da sind Informationen drin. Der Punkt ist nicht unbedingt der, darin nach einem Sinn zu suchen, so wie bei mir vielleicht die Übersetzung „Der Besitz des Wolfs“. Mir geht vielmehr um Herkunft und Historie: Ich habe recherchiert nach der „od“-Linie, nach älteren Belegen des Familiennamens Udolf/ Odolf und kam unter anderem bei Theoderich dem Großen heraus. Von ihm gibt´s eine Biographie. Und da taucht ein Odulf auf. So konnte ich heute den Ursprung nachweisen, etwa im 3. Jahrhundert nach Christus ist mein Familienname als Vorname schon bezeugt. Das heißt, mein Name ist 1.700 Jahre alt!

wortstark: Das ist ja erstaunlich! - Doch sprechen wir nun über Unternehmenskommunikation. Unser Name ist ja die erste inhaltliche Information, die wir fremden Menschen geben: „Guten Tag, mein Name ist …“. Gemessen an dieser hohen Bedeutung kennen nur wenige Leute die Wurzeln ihres Namens, mit dem sie sich ja vorstellen. Ich blicke regelmäßig im Rhetorikcoaching in ratlose Gesichter, wenn ich Menschen mit sich selbst in Kontakt bringe und mit ihnen Merkhilfen erarbeite, damit sie dem Publikum gut in Erinnerung bleiben. Woran liegt es, dass viele von uns nicht wissen, warum sie so heißen?

Jürgen Udolph: Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, es liegt daran, dass man gar nicht weiß, was in Namen drinstecken könnte. Dass jeder Name eine Geschichtsquelle ist. Dass man diesen Schatz eigentlich heben kann. Aber es ist halt auch nicht so ganz einfach. Es gibt offenbar eine unbewusst erkannte Barriere, bei einem Namen nach dem Sinn zu fragen. Das ändert sich jetzt, durch das Internet und nicht zuletzt durch unsere Arbeit als Namenforscher, wir haben ja seit Jahren zum Beispiel Radiosendungen dazu. – Und jedem, der einen anzüglichen Namen hat, empfehle ich nachhaltig, sich zu erkundigen, was der Name bedeutet. So kann er sagen, nein, die Assoziation ist falsch und aufklären, wo der Name eigentlich herkommt.

wortstark: Das finde ich auch! Da ist auch wieder mein Bereich gefragt, nämlich das Selbstbild und die Persönlichkeitsentwicklung. Es wirkt doch nicht gut, wenn jemand sich die ganze Zeit mit seinem Namen verstecken muss…

Jürgen Udolph: Ja. Aber vielleicht muss er sich auch nicht verstecken. Greifen wir doch mal peinliche Namen auf. Also ich würde zum Beispiel gerne „Morgenschweiß“ heißen.

wortstark: Warum?

Jürgen Udolph: Die Assoziation ist ja klar: Der hat sein Deo nicht benutzt, ungewaschen und so weiter. Der Name ist aber ganz anders gemeint, absolut positiv: Der Mensch hat schon gearbeitet am frühen Morgen, während andere noch im Bett gelegen haben. Der hat morgens schon geschwitzt. Ehrenvoller geht´s doch gar nicht, oder?

wortstark: (lacht) Na ich weiß nicht… „Morgenschweiß“ erinnert mich eher an jemand, der morgens im Bett mit seiner Frau was anfängt… Das finde ich von daher erneut anzüglich!

Jürgen Udolph: Das wundert mich! (lacht) Diese Assoziation hätte ich nicht gehabt. Ich denke da an die Welt des 15., 16. Jahrhunderts, das war eine Arbeitswelt. Allerdings spielen sexuelle Geschichten auch eine große Rolle. Da haben wir Namensforscher überhaupt keine Hemmungen.

wortstark: Ui! Auf solche Namen kommen wir gern nochmal später zu sprechen, wenn es um Namensveränderung geht, okay? Aber warum gibt es eigentlich in unseren Breiten einen frei wählbaren Namensbestandteil – den Vornamen - und einen festgeschriebenen Familien- oder Nachnamen?

Jürgen Udolph: Historische Entwicklung. Ursprünglich hatten wir nur einen Namen. Das ist sehr wichtig. Familiennamen haben sich entwickelt im 8., 9. Jahrhundert. In einem kleinen Dorf gab es nur einen Karl. Man fragte „Wo ist Karl?“ und dann hieß es „Der Karl wohnt da drüben“. Aber dreihundert Jahre später kommen Sie in eine Stadt wie Freiburg im Breisgau, die 1.500 Einwohner hat und Sie fragen „Wo ist Karl?“, dann fragt derjenige zurück: „Welchen Karl meinst Du? Karl den Großen, Karl den Schneider oder Karl den Blinden?“ Die Familiennamen entstanden bei Zunahme der Bevölkerung zur Identifizierung des Einzelnen. Das ging los im deutschen Südwesten.

wortstark: Wurden die Zusätze einfach so ausgesucht?

Jürgen Udolph: Oft, ja. Die Einzelteile des Namens haben noch etwas bedeutet, aber die Kombination ist manchmal willkürlich. Da wurde zum Beispiel der Vornamen des Vaters zum Nachnamen des Sohnes, siehe das Hildebrand-Lied.

wortstark: Und die Verwandtschaft redet ja bis heute ein Wörtchen mit…

Jürgen Udolph: Ja klar, hier geht´s auch um Konventionen. Aber jedenfalls nicht um Bedeutungen. Und ein paar Jahrhunderte später kam der Staat mit seinen Steuerregistern, das war um die Zeit der Türkenkriege, 15./ 16. Jahrhundert. In diesen Registern musste natürlich von den Herrschenden auch eingetragen werden, wie die Steuerpflichtigen hießen, und dann reichte ein einziger Name nicht immer aus.

wortstark: Also wurden Namen auch verordnet, sozusagen?

Jürgen Udolph: In der Zeit noch eher ausgehandelt. Aber Namen wurden später auch verordnet, im 18./ 19. Jahrhundert. Wilhelm von Humboldt hat seinen jüdischen Mitbürgern empfohlen: Ihr solltet Euch einen Familiennamen nehmen, damit Ihr genauso seid wie die anderen Bürger. Die Juden hätten das von sich aus nicht gemacht. Das war eine Verordnung des preußischen Innenministeriums, dass sie Familiennamen wählen. Und was wählen sie? So schöne durchsichtige Namen wie „Blumenthal“ und „Rosenkranz“ und so. Und werden dadurch wieder erkennbar! Weil diese Namen natürlich nicht die lange Geschichte der Namensveränderung durchgemacht haben wie eben Udolph aus Od und Wolf.

wortstark: Das ist ja interessant! Wusste ich nicht. –

Nächste Frage: Wenn „Nomen et omen“ stimmen würde, hätte es „Herr Groß“ im Leben leichter als „Herr Klein“, und „Frau Süß“ wäre besser dran als „Frau Sauer“. Gibt es auch Erkenntnisse über die sozialen Folgen von Namen oder wird ausschließlich an der Herkunft von Namen geforscht? Aus sprachpsychologischer Sicht würde ich vermuten, da gibt es doch eine unterbewusste Stimulans…

Jürgen Udolph: Hm. Ich bin kein Psychologe. Ich beurteile die Namen eher danach, woher sie kommen und nicht, wie sie wirken. Aber es gibt einen neuen Verfassungsrichter, der heißt „Schluckebier“. Aus psychologischer Sicht müssten Sie sagen, der hätte das mit dem Namen nie werden dürfen. Aber der Name war offensichtlich kein Hindernis.

wortstark: Moment: Wir wissen nicht, wie viele andere Schluckebiers es vielleicht wegen ihrem Namen nicht geschafft haben! (lacht) Wir müssten ja alle erfassen und so richtig biographisch beobachten!

Jürgen Udolph: Das habe ich aber nicht gemacht. Aber es gibt aus sozioonomastischer Sicht Versuche dazu.

wortstark: Nehmen wir mal ein, einer hat einen Namen, den er überhaupt nicht mag: Unter welchen Bedingungen kann er oder sie diesen Namen ändern? Wie ist der gesetzliche Rahmen hierfür?

Jürgen Udolph: Das ist in erster Linie eine Geldfrage. Das können Sie bei jedem Standesamt erfragen.

wortstark: Gemäß heutiger Auskunft der Namensveränderungsstelle des Kreisverwaltungsreferats München, Standesamtsaufsicht, gibt es einen Gebührenrahmen zwischen EUR 2,50 und 1.500,- für Änderungen des Nachnamens (Stand 14.12.06) Die Kriterien sind:

  • Verwaltungsaufwand der Namensänderung,
  • Nutzen für den Antragsteller,
  • öffentliches Interesse (es tun sich alle schwer mit einem besonders langen Namen oder einem Namen, der schwer auszusprechen ist)
  • und den wirtschaftlichen Verhältnissen des Antragstellers.

Eine Änderung eines Vornamens kostet maximal EUR 255,-.

Künstlernamen haben damit nichts zu tun, weil sie Zusätze zu dem registrierten und weiter bestehenden Namen sind. Sie können für maximal EUR 20,- direkt in den Pass oder Personalausweis eingetragen werden.

Wir wollten ja nochmal auf peinliche Namen zu sprechen kommen, wo man sich bestimmt leicht tut mit einer Änderung. Was sind das für Namen, sexuelle vielleicht?

Jürgen Udolph: Zum Beispiel „Ficker“. Im Vogtland heißen in einem Dorf zwanzig oder dreißig Familien so, das ist dort überhaupt nichts Besonderes. Wenn Sie ein Wort immer wieder gebrauchen, ist der Reiz irgendwie weg. Denken Sie an „geil“. Je häufiger das Wort benutzt wird, desto weniger Bedeutung hat es.

wortstark: Ja, es verliert sein Tabu. Aber woher kommt denn nun der Name?

Jürgen Udolph: „Ficker“ kommt von „nervös“. Sie kennen vielleicht „fickerig“, als Adjektiv?

wortstark: Ja, das habe ich in meiner Frankfurter Zeit öfter gehört. Ich hielt das für ein hessisches Dialektwort, wobei die das dort aussprechen als „fickerisch“. Irgendwie hätte ich es nicht mehr auf das Verb ficken zurückgeführt… (lacht) Haben Sie noch weitere peinliche Namen mit überraschenden Auflösungen?

Jürgen Udolph: Es gibt einfach auch skurrile Namen. Zum Beispiel „Mehlhose“, das ist ein Scherzname für den Müller. Ähnlich auch „Roggensack“, was sich auf den Bauer bezieht, der damit zu tun hatte. Oder was halten Sie von „Frauenschläger“?

wortstark: Oh Gott… Das nehmen wir! Wo kommt der Name her?

Jürgen Udolph: Das bezieht sich auf Waldarbeiter, also Holzfäller, der im Dienst von einem Frauenkloster arbeitet.

wortstark: Also eben gerade nicht jemand, der den Frauen Böses tut…

Jürgen Udolph: Natürlich nicht. „Frau“ in Familiennamen bezieht sich häufig auf Kloster, also weiblich, mit Nonnen.

wortstark: Das ist mir sehr recht, dass wir auch mal über die Frauen in der Namensentwicklung sprechen: Gibt es unterschiedliche Namensforschungsergebnisse für Männer und Frauen? Im Grund genommen sind ja die Frauen nach der Heirat weg vom Fenster für die Namensforschung. Aber es geht doch auch für die Frau ein Stück Identität verloren… ?

Jürgen Udolph: Ja. Ich erinnere mich gut daran, wie schwer es meiner Frau fiel, ihren schlesischen Mädchennamen abzugeben. Denken Sie auch daran, dass in den KZs den Häftlingen ganz bewusst der Name weggenommen wurde genau wie in den Gefängnissen der DDR. Die kriegten alle Nummern. Heute ist es wenigstens für die Frauen, die heiraten, etwas leichter, ihren Namen zu behalten. Aber was bleibt, ist das Problem mit den Kindernamen.

wortstark: Bleiben wir noch bei den Frauen. Viele Frauen heißen mit Nachnamen „-mann“, aber kein Mann heißt „-frau“, oder? Sind Nachnamen in Deutschland oder Westeuropa grundsätzlich männlich geprägt?

Jürgen Udolph: Ja, zu einem ganzen hohen Prozentsatz. Das nennt sich patronymische Namensbildung. Wenn man aber noch ein Stück zurückgeht, in die Zeit der Germanen, da hat „Mann“ auch „Mensch“ bedeutet.

wortstark: So wie heute das kleingeschriebene „man“?

Jürgen Udolph: Ja, und das gibt´s auch in jedermann, jeder Mensch.

wortstark: Finde ich aber trotzdem männlich. Gibt´s auch ein Volk, wo die Namen nach den Frauen gebildet wurden, also matronymisch?

Jürgen Udolph: Ne, in Europa ist es auf jeden Fall damit nicht so doll. Aber es gibt in Russland und in Island immerhin Hinweise auf die Abstammung von der Mutter, es gibt einen männlichen Michailowitsch und eine weibliche Michailowna. Und in Island gibt es „dottir“ hintendran, das heißt –Tochter. Da spielen also die Ableitungen von Namen über die Mutter schon noch eine Rolle.

wortstark: Das ist dann die weibliche Entsprechung für die Endsilbe, die im Skandinavischen mit „-son“ für „Sohn“ hinten dran gehängt wird? Ich war mal in Norwegen. Da heißt ja jeder irgendwas mit „-son“…

Jürgen Udolph: Das ist eine Katastrophe! Es gibt deshalb jetzt sogar in Dänemark aktuell ein Gesetz, dass jeder sich frei nennen kann, weil die alle ihr „-sen“ loswerden wollen! „Jensen“ oder „Hansen“ hängt ihnen zum Hals heraus.

wortstark: Mir hängt mein Name nicht zum Hals raus, aber was ich auch immer schwierig finde, ist, Namen zu erklären. Wie sollten Namenserklärungen Ihrer Meinung nach idealerweise aussehen?

Buch der NamenJürgen Udolph: Das kommt auf den Namen an. Ein Namensgutachten ist sicherlich eine Hilfe bei den Fällen, wo nicht gleich klar ist, woher der Name stammt wie bei Müller oder Schneider, wo das Handwerk noch durchscheint. Außerdem verweise ich auf mein Buch „ Jürgen Udolph, Sebastian Fitzek: Professor Udolphs Buch der Namen" . Es ist populärwissenschaftlich geschrieben und war mehrere Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Da sind Tipps drin, die sonst nirgendwo zu finden sind, wenn jemand weiterkommen will bei der Erforschung des eigenen Namens , vor allem auch in den Fällen, in denen es um slawische Herkunft geht.

wortstark: Sie machen ja auch an Ihrem Institut individuelle Namensforschung im Auftrag von Privatleuten, das habe ich ja schon ausprobiert für einen Klienten von mir. Da kam dann auf sieben Seiten Kartenmaterial und Statistiken über die Verbreitung des Namens und seiner Namensbestandteile, samt sprachwissenschaftlichen Interpretationen der Bedeutung. Das war schon hochinteressant. Das kostete EUR 60,- und dauerte allerdings sieben Monate, also eine wirklich lange Bearbeitungszeit…

Jürgen Udolph: Im Moment liegen bei uns 3.500 Namen auf Halde und wir müssen inzwischen EUR 80,- nehmen (die jungen Leute müssen von irgendetwas leben). Wir haben acht neue Leute eingestellt, alles examinierte Namensforscher. Wir sind in Deutschland die einzigen, die so was anbieten, aber wir sind eben auch Teil einer Universität und damit auf deren Infrastruktur und interne Prozesse angewiesen. Wer also die Zeit hat, auf das Ergebnis zu warten und sich für so ein Gutachten interessiert, wendet sich an die namensberatung@uni-leipzig.de

Aber was ich noch zu den Namensveränderungen sagen wollte: Namen können auch ihren ursprünglichen Zusammenhang verlieren, und dann strebt die Sprache danach, einen neuen Sinn hineinzulegen, volksetymologische Umdeutung. Kleines Beispiel: Die Putzfrau einer Professorin hatte das Wort Bungalow gehört und machte daraus „Bunkerloch“. Die hatte noch gespürt, da geht es um Gehäuse oder Haus, und hat den Rest selbst dazugedichtet. Der neue Sinn ist völlig blödsinnig. Man muss aber erst dahinter kommen.

wortstark: Kreativ! Und angesichts der oben genannten Beispiele steckt doch in vielen sprachlichen Kreationen immerhin eine „Wiederbelebung der Fossilien“, oder?

Jürgen Udolph: Natürlich! Das ist bei Ortsnamen genauso. Zu meinen Studenten sage ich immer: Wenn Ihr zwei Namensbestandteile habt, einen durchsichtigen und einen undurchsichtigen, dann nehmt für die Etymologie den undurchsichtigen, denn die Entwicklung der Sprache geht immer von der undurchsichtigen Seite aus. - Oder es gibt unnötige Namensbestandteile. So tragen mindestens 3 % der deutschen Namen ein Suffix ohne eigene Bedeutung, so ähnlich wie in Worten mit „-heit“ oder „-keit“. In Ihrem Fall ist das das „-mann“. Das konnte früher oft drangehängt werden und ist nicht immer von besonderer Bedeutung.

wortstark: Aha, deswegen die vielen „-männer“! Ohne Bedeutung! – (lacht) Schade, ich hätte ja so gerne eine prachtvolle Namensherkunft. Aber ich behelfe mir mit meinem Firmennamen: „wortstark“ merken sich die Leute. Manche sagen sogar „Frau wortstark“ zu mir.

Jürgen Udolph: Ja klar! Das möchte ich auch zu Ihrer nächsten Frage vorschlagen, mit den auffälligen Namen im Firmenkontext. Ich meine, was auffällt, ist gut.

wortstark: Mit meiner Frage meinte ich aber, was ist, wenn der Firmenname toll klingt und dann heißt der Inhaber „Herr Schlamp“ oder „Frau Schädlich“? Wird da nicht die Imagewirkung der Firma geschmälert?

Jürgen Udolph: Tja, wenn das so ist, vielleicht sollte man dann wirklich den Namen ändern. Aber manchmal weiß man ja gar nicht, was man hat. Als Volkswagen die tschechische Firma Škoda gekauft hat, haben sie sicher nicht gewusst, dass das Wort dort „Schaden“ oder „schade“ bedeutet (lacht) …

wortstark: Was? (lacht) Und das beim Auto? Oh je! Warum sind aber die Tschechen dann vorher schon die ganze Zeit mit so einem Namen herumgefahren?

Jürgen Udolph: Keine Ahnung. Wahrscheinlich haben sie die ganze Zeit Witze darüber gemacht. – Aber ich habe noch eine tolle Geschichte: Die Firma Nestlé kennen Sie. Der Akzent ist da draufgewandert, der hat dort nichts zu suchen. Im Logo ist ein Nest abgebildet mit zwei Vögeln. Eigentlich kommt aber das Wort von Schuhnesteln, also Schuhbänder herstellen. Es gibt ja auch „herumnesteln“. Das hat sprachwissenschaftlich mit Nest überhaupt nichts zu tun. Das Logo ist also eine falsche Interpretation des Namens.

wortstark: Starkes Stück! Und das bei so einem Weltkonzern! – Doch kommen wir angesichts des nahen Weihnachtsfestes vom Weltlichen aufs Göttliche: Woher stammt der Name „Jesus Christus“?

Jürgen Udolph: „ Jesus“ ist hebräisch und heißt „Hilfe“, „Rettung“ oder „Heiland“. Und „Christos“ ist auf Griechisch der „Gesalbte“.

wortstark: Na Gott sei dank, kein falsches Logo. Stattdessen schön übersetzbare Namen.

Jürgen Udolph: In dem Fall ist es auch einfach, denn wir übernehmen ein normales Wort aus einer anderen Sprache als Eigenname. So werden sie nicht mehr als übersetzbare Wörter einer lebendigen Sprache erkannt, sondern werden sprachlich zur Fossilie.

wortstark: Hm. Das ging namenkundlich wirklich schnell mit Jesus, aber das Interview soll ja auch bald zum Ende kommen. Offene Frage: Wenn Ihnen etwas einfällt, was Ihnen sonst noch zu Ihrem Thema wichtig ist und worüber wir bisher nicht gesprochen haben, dann ist hier Raum dafür.

Jürgen Udolph: Wenn Sie nochmal etwas schönes Religiöses möchten, dann erkläre ich zum Abschluss den Namen „Himmelheber“: Das ist ein Familienname aus dem Süddeutschen und er leitet sich von dem Menschen ab, der bei der Fronleichnamsprozession den Baldachin getragen hat, also den Himmel über der Prozessionsfigur. Ist doch ein wunderschöner Name, oder?

wortstark: Ja, aber auch anspruchsvoll. Von einem „Himmelheber“ erwarte ich schon einiges. Doch hat auch dieses Interview mit Ihnen, Herr Professor Udolph, von Od und Wolf, all meine Erwartungen bestens erfüllt – herzlichen Dank dafür und schöne Weihnachtsfeiertage.

Jürgen UdolphSie erreichen Prof. Dr. Jürgen Udolph unter Tel.-Nr. 0341 - 973 7460 sowie per E-Mail unter: udolph@uni-leipzig.de
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